"Kleine Zeitung" Kommentar: "Arrivederci, Italia! Der Sturz Prodis zementiert den Stillstand" (Von Martin Zöller)

Ausgabe vom 26.01.2008

Graz (OTS) - Italien liefert dieser Tage anschauliche Beweise,
dass es für die Herausforderungen der Zukunft schlecht gerüstet ist. Zum Müllskandal kommt jetzt die Regierungskrise. Wenn man früher schon häufig den Kopf schüttelte über Italien, muss man diesmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Wo, Italien, soll das enden?

Denn mit Romano Prodi ist nun ein Mann gestürzt, der es geschafft hat, Italien wieder Ansehen zu verschaffen. Wo Berlusconi auf krude Männerfreundschaften setzte, verfolgte Romano Prodi eine europäische Vision. Auch seine Reformen im Inneren hatten ihren Wert, wenn er begann, die öffentlichen Schulden abzubauen und rigoros die Steuerhinterziehung zu bekämpfen, die unter Berlusconi allenfalls als Kavaliersdelikt galt.

Die Regierung stürzte aber, weil die italienische Politik weiterhin von den Zombies aus der vermeintlich begrabenen ersten Republik durchsetzt ist. Sie betrachten den Staat als Beute, die es nur zu verteilen gilt - schon heißt es, jene Politiker, die nun Prodi das Vertrauen entzogen, habe sich längst Berlusconi wieder geangelt.

Prodi war angesichts von neun Parteien in der Koalition gezwungen, dieses alte Spiel mitzuspielen. Jede Partei versorgte er mit Ministern und Staatssekretären - insgesamt 107! - und er erfüllte weltfremde Herzenswünsche: Den Kommunisten schenkte er die Rente mit 58, den vatikanorientierten Christdemokraten das Ende eines Gesetzentwurfes über die eingetragenen Lebenspartnerschaften. Dieses und mehr ging an der Realität der Gesellschaft vorbei. Dass Italien derweil den Bach runtergeht. . . ach, wen kümmerts.

Diese Einstellung findet ihre Fortsetzung im Alltag der Italiener, etwa wenn Taxifahrer oder Fluglotsen mit wilden Streiks ihr Land ins Chaos stürzen oder wenn letztlich auch die Neapolitaner nie wirklich interessiert hat, wohin ihr Müll wandert. Die Verantwortungslosigkeit im Staat und im Volk beschleunigt sich gegenseitig.

Nun läuft alles auf einen weiteren Totgeglaubten zu, Silvio Berlusconi, egal ob gleich gewählt wird oder ob erst eine Übergangsregierung ein neues Wahlrecht verabschiedet. Als Berlusconi 1994 in die Politik eintrat, konnte er noch glauben machen, er, als erfolgreicher Unternehmer, werde Italien voranbringen. Nun, mit 71 und zwei Legislaturperioden, wäre eine erneute Kandidatur der letzte Beweis für den Stillstand. Die Menschen werden ihn wohl trotzdem wählen: nicht aus Begeisterung für seine Rechte, sondern aus Verzweiflung über Prodis Linke.****

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