Nord-Süd-Dialog über Kultur und Entwicklung im Parlament Paulina Chiziane: Entwicklung ohne Kultur ist nicht möglich

Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer eröffnete heute Nachmittag im Parlament die bereits vierte Veranstaltung des Parlamentarischen Nord-Süd-Dialogs mit dem aktuellen Thema "Kultur und Entwicklung" und begrüßte unter den zahlreichen Gästen die Abgeordneten Petra Bayr und Ulrike Lunacek, die ehemaligen Abgeordneten Inge Jäger und Walter Posch sowie zahlreiche Diplomaten.

Erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit setze wechselseitiges Verständnis, Aufmerksamkeit und Respekt voraus, sagte die Präsidentin in ihrer Einleitung. Theoretisches Wissen sei in der Entwicklungspolitik ohne praktisches Wissen über kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse des jeweiligen Landes nicht umsetzbar, sagte Prammer, denn die Kunst mache die Situation der Menschenrechte sowie soziale und wirtschaftliche Entwicklungen erst anschaulich. Mit Freude hieß die Nationalratspräsidentin daher die junge Fotografin Erika Serodio Mendes und die Autorin Paulina Chiziane aus Mosambik willkommen, eine der bekanntesten Autoren Afrikas, die in ihren vielfach aus dem Portugiesischen übersetzten Frauenromanen die Entwicklung ihres Landes seit der Kolonialzeit darstellt.

Unter der Moderation von Margit Niederhuber zeigte zunächst Erika Serodio Mendes, Vertreterin der jungen Kunstszene Mosambiks, die sich seit 1994 entwickeln konnte, ihre Werke unter dem Titel "15 Jahre Frieden in Mosambik". Mosambik besitzt eine bereits mehrere Generationen zurückreichende Tradition der künstlerischen Fotografie, in der die Entwicklung des Landes seit der Kolonialzeit dokumentiert wird. Mendes zeigte insbesondere Menschen in der trockenen Region Chigubo. Ihnen soll durch die Förderung des traditionellen Kunsthandwerks die Möglichkeit geboten werden, Einkommen neben der traditionellen Subsistenzwirtschaft zu erzielen. Anschließend las die Autorin Paulina Chiziane aus ihrem jüngsten Roman "Niketche". Darin beschreibt die Autorin anhand des Lebens einer Gruppe von fünf Frauen, die in einer polygamen Beziehung zu einem Mann leben, die Versuche von Frauen in Mosambik, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der deutsche Teil der Lesung wurde von Andrea Eckert bestritten.

Experten zum Thema Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit

Im Anschluss an den künstlerischen Teil des Programms leitete Enzio Wetzel vom Goethe-Institut München eine Expertendiskussion mit Thesen zum Verhältnis von Entwicklung und Kultur ein. Er lehne die Trennung von Entwicklungszusammenarbeit und Kultur ab, sagte Wetzel. Es genüge nicht, über wirtschaftliche Großprojekte zu klagen, die nichts mit den jeweiligen lokalen oder regionalen Verhältnissen zu tun haben, man sollte auch erkennen, dass Kunst nicht nur schön sei, sondern auch viel Kraft zur Bewältigung von Alltagsproblemen gebe. Auch dort, wo zunächst ganz andere Themen im Vordergrund zu stehen scheinen. Konkret berichtete Enzio Wetzel von Erfahrungen mit dem deutschen Projekt "City Spaces", wo Künstler die neuen öffentlichen Räume in Agglomerationen wie Neu Delhi oder Kairo nützten, um Probleme bei der Stadtentwicklung zu thematisieren. Der europäisch-islamische Kulturdialog habe sich als ein erfolgreiches Mittel gegen den Terror erwiesen. "Wir haben nicht mehr die Möglichkeit, uns für oder gegen Entwicklungszusammenarbeit zu entscheiden. Entwicklungszusammenarbeit ist Planung der globalen Zukunft", sagte Wetzel. Kunst und Kultur spielen dabei ein wichtige Rolle, oft ganz praktisch, etwa als Medien der Aufklärung über Aids und andere Gesundheitsgefahren oder beim Thema Kinderarbeit.

In der Diskussion hob die Schriftstellerin Paulina Chiziane die Rolle der Künstler im Kampf gegen die koloniale Unterdrückung ebenso hervor wie die Bedeutung des kulturellen Dialogs in der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit. Beispielsweise im Kampf gegen den Aberglauben. Manche Menschen in Mosambik seien deshalb nicht bereit, in schönen, modernen Häusern zu wohnen, weil sie davon überzeugt seien, ein Haus gehöre zum Körpers seines Bewohners und müsse daher abgerissen werden, wenn dieser sterbe. "Entwicklung ohne Kultur ist nicht möglich", schloss die afrikanische Autorin

Botschafter Emil Brix (Außenministerium) hielt die Erfahrungen der Künstler und ihre Arbeit für einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung, um falsche Wege in der Globalisierung zu vermeiden. Daher gehe es in der österreichischen Auslandskulturpolitik nicht mehr in erster Linie darum, österreichische Kultur darzustellen, sondern darum, österreichische Künstler zu finden, die Antworten auf spezifische Fragen geben können, die in den Entwicklungsprozessen der Partnerländer wichtig sind. Als Beispiel nannte Brix den Einsatz österreichischer Musiker bei der Ausbildung von Musikern im Nahen Osten und in Indien.

Auch die Vorsitzende des Kulturausschusses Christine Muttonen sah im Verständnis der Kultur des EZA-Partners die Voraussetzung für den Erfolg von Entwicklungszusammenarbeit. "Dialog statt Monolog" sollte daher als Prinzip gelten. Auch sei Kunst und Kultur deshalb ein wichtiges Thema im Dialog zwischen EZA-Partnern, weil Kunst und Kultur innovative Kräfte freisetzten und jene Neugier wecken, die notwendig sei, um sich positiv mit fremden Einstellungen auseinanderzusetzen. Die Wirtschaft habe dies längst erkannt und setze längst auf die Kreativität der Künstler.

Hubert Neuwirth (Austrian Development Agency) informierte über zahlreiche kulturelle Projekte im Rahmen der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit sowohl im Nord-Süd-Dialog als auch in Südosteuropa. Zuletzt habe sich daraus ein spezieller "Ost-Süd-Dialog" entwickelt, berichtete Neuwirth und informierte über die Unterstützung von Theater- und Tanzgruppen im ehemaligen Jugoslawien sowie in Ruanda. Aus der Zusammenführung dieser beiden Projekte haben sich gemeinsame Projekte zwischen Tänzern und Schauspielern aus Mazedonien und Afrika entwickelt, die Interesse für afrikanische Kultur auf dem Balkan geweckt haben. (Schluss)

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