"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Nur Kosmetik für die Krankenkassen"

Eine gutes Gesundheitssystem ist teuer; wer sparen will, sollte auch sagen wo.

Wien (OTS) - Die gute Nachricht: Der 58. Wiener Ärzteball heute Abend in der Hofburg ist ausverkauft; als Ehrengäste werden die Gesundheitsministerin, die Gesundheitsstadträtin, hohe Sozialpartner und die Spitzenleute der Krankenkassen erwartet.
Die schlechte Nachricht: Die Repräsentanten des Gesundheitswesens haben wenig Grund zu feiern.
Die Not macht bescheiden. So wird die Meldung, der Katastrophenfonds der Sozialversicherungsträger rette kurzfristig Wiens Krankenkasse vor der Pleite, als gelungene Operation gepriesen.
Alle Fachleute wissen, dass mit solchen kosmetischen Eingriffen das Gesamtproblem nicht zu lösen ist.
In Österreich sind heute 22 Sozialversicherungsträger für die Kranken-, Pensions- und Unfallversicherung zuständig. Koordiniert werden sie vom Hauptverband.
Famulierende Bundespolitiker melden sich fallweise mit Drohworten und kündigen starke Veränderungen an. Da schmunzeln die Insider: Den größten Einfluss auf die Versorgung in Stadt und Land haben nämlich die Sozialpartner. Gewerkschafter und Wirtschaftsvertreter verwalten das sorgsam austarierte System selbst. Der Zugriff von außen ist nur durch politische Gewaltakte möglich. Das hat sich zuletzt Schüssels schwarz-blaue Regierung getraut. Gut ist es ihr nicht bekommen, und eine Besserung hat es nicht gebracht.
Remedur kann es an zwei Stellen geben: Bei der Gesundheitsbürokratie und bei den Gesundheitsleistungen. Organisatorisch wird sich bald die Frage stellen, ob eine kleine Republik neun Gebietskrankenkassen braucht. Materiell haben die bundesweiten Versicherungsanstalten (Gewerbe, Beamte) die besseren Ergebnisse.
Es ist ein Verstoß gegen das Solidaritätsprinzip, wenn die medizinischen Leistungen der Krankenkassen je nach dem Wohnort des Versicherten verschieden sind.
Die Hauptfrage ist allerdings, welche Versorgung den Versicherten überhaupt angeboten werden soll. Wenn man dieses Niveau bestimmt, weiß man auch die Kosten, die daraus resultieren.
Unbestritten ist die Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Die Ausgaben für Arzneimittel steigen mit den Ansprüchen der Patienten. Spitzenmedizin ist teuer, nicht nur in Österreich: In Deutschland wuchsen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Krebsmedikamente binnen fünf Jahren um 285 Prozent.
Nun machen es sich manche Kassenfunktionäre einfach: Sie drohen Ärzten mit der Kündigung des Kassenvertrags, wenn die Mediziner weiter zu teure Medikamente verschreiben. Im Regelfall sind aufwändige Behandlungen aber wissenschaftlich begründet.
Um die grundlegende Diskussion wird niemand herumkommen: Ein gutes Gesundheitsystem ist teuer - wer ein billigeres, damit wahrscheinlich schlechteres will, möge laut sagen, wie er/sie sich das vorstellt.
Einsparungen sind möglich. Doch Heilung ist vom Knausern und Kürzen allein nicht zu erhoffen.

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