"DER STANDARD"-Kommentar: "Gender auf die Agenda" von Lisa Nimmervoll

Ausgabe vom 25. Jänner 2008

Wien (OTS) - Einen Schritt vorwärts, zwei zurück - und mit Glück geht’s einen vor und nur einen zurück. So ambivalent sieht Österreichs Gleichberechtigungsbilanz aus. Es gilt, die erste staatliche Uni-Rektorin zu feiern - 643 Jahre brauchte es seit der Gründung der Uni Wien für diesen historischen Schritt. Zugleich ist laut EU-Genderbericht ein blamabler Rückgang der Zahl der Frauen in Spitzenpositionen zu beklagen.
Die Unis sind ein gutes Feld, um das bestehende Gender-Ungleichgewicht und die strukturelle Selbstreproduktion der Männerdominanz durchzudeklinieren. Noch immer gilt: Je höher die akademische Ebene, umso weniger Frauen. Wo es um "autonome" Entscheidungen der ausgegliederten Unis über Machtpositionen im System geht, da schlagen die alten Muster der Geschlechterverteilung durch. Das zeigt sich besonders drastisch an der laufenden Nominierungsrunde für die Uniräte.
Die Senate, mit Professorenmehrheit ausgestattet, also männlich dominiert, haben es gewagt, eine Kandidatenliste vorzulegen, die nur ein Viertel Frauen beinhaltet. Und jetzt? Muss die Politik wieder einmal gegensteuern und mit Frauen "auffüllen". Das ist nötig und inakzeptabel zugleich. Denn es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Selbstverständlichkeiten wie die Berücksichtung qualifizierter Frauen - die es gibt, man muss sie nur finden und in den zu vergebenden Machtpositionen auch haben wollen - nicht selbstverständlich sind.
Woran die schiefe Gender-Bilanz in Österreich vor allem krankt, ist das Fehlen einer aktiven Gleichstellungspolitik, wie sie skandinavische Länder seit zwei, drei Jahrzehnten bewusst praktizieren. Dort sind die Rollenbilder in Bewegung gekommen - zum Vorteil beider Geschlechter. Auf dem Weg dorthin kann eine gesetzliche Krücke für gender-ignorante Akteure aber sehr hilfreich sein, um das Thema endlich bewusst zu machen.

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