"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gleichheit beim Einkommen gilt immer noch als Scherzartikel" (von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 25.01.2008

Graz (OTS) - Mit Ingela Bruner wird am Montag an der Uni für Bodenkultur die erste weibliche Rektorin inauguriert. Ein großer Tag nicht nur für Bruner. Denn Bruner ist nicht nur Österreichs einzige Rektorin, sie zählt dann auch zu den wenigen weiblichen Führungskräften dieses Landes. Der gestern von der EU-Kommission vorgelegte Genderbericht über die Einkommenssituation und die Aufteilung der Führungspositionen hat es neuerlich aufgedeckt: die ungleiche Bewertung gleicher Tätigkeiten, Österreichs Frauen verdienen weiterhin um 20 Prozent weniger als Männer. Anders gesagt:
Gleichheit beim Einkommen gilt als Scherzartikel. Dass die Einkommensschere in der EU bei 15 Prozent, in Frankreich bei elf Prozent liegt, sollten Regierung und Kollektivvertragsverhandler als Ohrfeige auffassen.

Der Vater der Nobelpreisträgerin Maria Goeppert-Mayer soll ja seine Tochter als Schulkind gewarnt haben: "Werde nie eine Frau, wenn du groß bist." Goeppert-Mayer ist neben Marie Curie die einzige Frau, die den Physik-Nobelpreis gewonnen hat. Die väterliche Warnung mag heute überzogen klingen, im Ansatz stimmt sie nach wie vor. Die "Süddeutsche Zeitung" titelte einmal treffend: "Feminismus war gestern, Patriarchat vorgestern. Heute begegnen sich Mann und Frau auf gleicher Augenhöhe. Oder nicht?" Es war eine rhetorische Frage.

Die gleiche Augenhöhe fehlt. Mit der Konsequenz, dass Frauen ihren Bildungsvorsprung bislang nicht in Positionen und entsprechenden Gehaltszuwachs umsetzen konnten. Und mit der Konsequenz, dass Betriebswirtschafterinnen in einer Studie der Uni Wien nach zehn Jahren um 100.000 Euro weniger als männliche Kollegen verdienten. Nein, der Wettbewerbsnachteil der Karenz war nicht schuld. Die Frauen wiesen keine Berufsunterbrechungen auf. Aber auch Karenzzeiten können in einer Gesellschaft, die sich nicht zur völligen Kinderlosigkeit verdammen will, kein Grund für Einkommensbenachteiligung sein. Sie sind es aber - und es wird schulterzuckend akzeptiert. Auch das ist ein Skandal. Und es ist ebenso skandalös, dass sich selbst Frauenpolitikerinnen darüber nicht mehr empören. Nach dem Motto:
"Selber schuld, wer drei Kinder hat."

Wie es weitergehen wird? Der Stillstand ist vorerst festgeschrieben. Denn es fehlen in diesem Land jene schwergewichtigen Frauen mit starken Stimmen, die nötig sind, um jenen auf die Zehen zu steigen, die nur eines wollen: den eigenen Macht- und Einkommenserhalt - zu hundert Prozent. ****

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