Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Lügen und die Krise

Wien (OTS) - Die Konjunktur findet im Kopfe statt. Auf diesen Satz kann man das Wesen der Börsenabstürze reduzieren, die in dieser Woche die Welt erschüttert haben. Die plötzliche Vertrauenskrise der Anleger ist nämlich nicht gedeckt durch das, was sich in der realen Wirtschaft abspielt.

Absurd war hingegen die Reaktion jenes "Wirtschaftsforschers", der sich im ORF mit großem Wohlwollen des Moderators ausgiebig produzieren durfte. Er wollte der Nation nämlich einreden, dass mehr Staat die Antwort auf die Krise wäre. Als ob eine Staatsplanwirtschaft nicht auch vom Vertrauen der Menschen abhängig wäre. Als ob sie die Pensionen aus dem luftleeren Raum finanzieren könnte. Während Märkte als Informations-Drehscheibe automatisch auf jeden Wechsel der Stimmung reagieren, hat eine Staatswirtschaft immer zu wenig Informationen, reagiert daher falsch und verliert daher trotz aller Propaganda ständig an Vertrauen. Wie alle realsozialistischen Experimente deutlich bewiesen haben.

Allerdings wird auch in Marktwirtschaften zu viel versprochen -womit nicht nur unseriöse Politiker vor Wahlen gemeint sind. Destabilisierend haben auch jene Experten gewirkt, die im letzten halben Jahr die amerikanische Immobilienkrise regelmäßig für bewältigt und Europa für von der US-Konjunktur unabhängig erklärt haben. Und die jahrelang verschwiegen haben, dass wir über unsere Verhältnisse leben; dass unsere Pensions- und Gesundheitssysteme langfristig gewaltige Probleme haben; dass überhöhte Vorstandsbezüge Vertrauen vernichten; dass kein Land auf Dauer mehr konsumieren kann, als erarbeitet wird. Die so tun, als ob wir unser zuletzt wieder deutlich gesteigertes Lohnniveau trotz der keineswegs ökosozialen, aber global erfolgreichen Konkurrenz aus China oder Indien ohne Arbeitsplatzprobleme halten können. Und als ob man einfach mit einigen Zinssenkungen einen neuen Boom anstarten könne.

Man denke nur an Japan: Dort dauerte es ein ganzes bitteres Jahrzehnt, bis die Wirtschaft (nach dem Platzen einer Immobilienblase voll überhitzter Luft) endlich wieder ansprang, obwohl die Zinsen auf Null oder sogar noch darunter gesenkt waren.
Lügen und Selbsttäuschungen beenden keine Vertrauenskrisen, sondern lösen sie erst aus.

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