WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Stell Dir vor, Du bist Frau und hast Erfolg - von Esther Mitterstieler

Wo sind die weiblichen Vorstände geblieben, wo die Aufsichtsräte?

Wien (OTS) - Es war eine Frohbotschaft, die Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl am Donnerstag verkündete:
Es gibt immer mehr Jungunternehmer im Land, die Latte von 30.000 wurde übersprungen. Besonders ins Auge fiel dabei: Es gibt immer mehr Jungunternehmerinnen. Ganze 40 Prozent der neu ins Leben gerufenen Unternehmen werden von Frauen gegründet. Zum Vergleich: 1993 lag dieser Anteil bei 26 Prozent. Da kann frau sich freuen.

Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Denn die Frage ist: Warum machen sich so viele Frauen selbstständig? Die Antwort: Weil sie Familie und Beruf besser vereinbaren möchten (35 Prozent) und
- wohl direkt damit zusammenhängend - zeitlich flexibler sein wollen (39 Prozent). Hier liegt ein Teil der Wahrheit: Die Hälfte der befragten Frauen gab an, dass sie sich durch die Doppelbelastung stark beeinträchtigt fühlt. Das heisst: Die Frauen machen sich selbstständig, um mehr Zeit für ihre Lieben zu haben. Gleichzeitig sind sie unter Druck, weil sie zu wenig Kindergartenplätze vorfinden, etc. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem, das gelöst gehört. Wer in Skandinavien oder in Frankreich als Frau Karriere machen will, muss sich nicht für Familie oder Beruf entscheiden. Das ist hierzulande anders. Leider.

Gehen wir vom nächsten Teil der Wahrheit aus: Nicht alle Unternehmensgründerinnen wagen aus familiären Gründen den Sprung in die Selbstständigkeit, sondern einfach, weil sie eine exzellente Ausbildung haben und glauben, sich in der Selbstständigkeit besser verwirklichen zu können. Je höher die Ausbildung, umso lieber der Sprung in die Selbstständigkeit. Wen wundert’s?

Der EU-Gender-Bericht stellt Österreich ein miserables Zeugnis aus. Am Arbeitsmarkt entfernt sich das Land in Sachen Gleichstellung zusehends vom EU-Schnitt. Während anderswo immer mehr Frauen in den Führungsetagen sitzen, werden es bei uns immer weniger. Warum sollte eine hoch qualifizierte Frau sich also länger mit dieser Männerwelt zufrieden geben? Ein Blick auf heimische börsenotierte Unternehmen genügt, um diese ewiggestrige Mentalität aufzuzeigen: Wo sind die weiblichen Vorstände geblieben, wo die Aufsichtsräte? Kein Wunder also, wenn Frauen sich ihre eigene Unternehmenswelt aufbauen. Schade für die Grossen, die den Wert dieser erfolgreichen Frauen nicht zu erkennen vermögen.

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