WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Fünf gute Gründe gegen eine Zinssenkung - von Herbert Geyer

Gegen Zurufe hätte auch Bernanke seine Ohren verschlossen

Wien (OTS) - Gott und die Welt fordern jetzt, dass die EZB der Fed nachzieht und ebenfalls kräftig die Zinsen senkt. Der Wunsch ist verständlich. Er wird aber wohl - aus guten Gründen - nicht erfüllt werden.

Erstens hätte wohl auch Ben Bernanke seine Ohren verschlossen, hätten am vergangenen Montag das US-Finanzministerium, diverse Lobby-Organisationen der Industrie und ein halbes Dutzend Wirtschaftsweise eine Zinssenkung gefordert.

Zweitens waren die Umstände in den USA einzigartig: George W. Bushs ziemlich missglücktes Anti-Rezessionsprogramm wurde am Freitag an der Wall Street noch kaum gewürdigt, durch den US-Feiertag am Montag (und den Börsen-Absturz in Fernost und Europa) war Dienstag früh klar, dass die US-Börsen mehr als fünf Prozent fallen würden - und da zog Bernanke zu Recht die Reissleine.

Drittens ist diese Massnahme im Grunde kontraproduktiv: Zu niedrige Zinsen in der Vergangenheit waren ja mit ein Grund für die aktuelle Misere. Überschüssige Liquidität (in Form billiger Kredite) floss in US-Immobilien und verursachte dort die Blase, an deren Platzen wir jetzt leiden. Gegen dieses Leiden niedrige Zinsen zu verordnen, führt zur Forderung nach immer höheren Dosen - tatsächlich erwarten die Märkte jetzt bereits für die kommende Woche eine weitere Senkung um einen halben Prozentpunkt.

Viertens sind die Voraussetzungen in Europa auch fundamental ganz andere: Zwar sind auch hier die Anzeichen einer Abkühlung unübersehbar (nicht zuletzt wegen der drohenden Rezession in den USA), von einer Rezession kann in Europa aber keine Rede sein - das verhindern schon die wachstumsstarken neuen EU-Mitglieder im Osten. Und mit einer etwas besseren sozialen Verteilung des Reichtums müsste der Privatkonsum in Europa stark genug sein, um auch eine US-Rezession durchtauchen zu können.

Und fünftens hat die EZB - im Gegensatz zur Fed - laut Statut ausschliesslich die Preisstabilität als Ziel. Und da ist bei aktuellen Inflationsraten um oder über drei Prozent wahrlich kein Platz für Zinssenkungen.

Über diesen letzten Punkt sollte man freilich endlich einmal ernsthaft diskutieren, denn wenn durch hohe Zinsen der Euro in lichte Höhen abhebt, dann mag das zwar gut für die Preisstabilität sein, ruiniert aber längerfristig die Exportwirtschaft.

Aber das ist derzeit nicht das Problem von EZB-Chef Jean-Claude Trichet. Daher wird er die Zinsen wohl nicht senken. Und das aus guten Gründen.

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