"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: " Statt einer "Charta" hohe Euro-Beträge"

Integration benötigt keine Studien, keine Diskussion, nur den Mut des Ministers.

Wien (OTS) - In jedem Dorf in Ostungarn mit hohem Roma-Anteil weiß man es, in jeder Siedlung der Aborigines in Australien auch, in jedem Indianer-Reservat in Nordamerika sowieso: Bildung ist der Schlüssel für sozialen Aufstieg und Integration. Der Teufelskreis - fehlende Kenntnisse der Mehrheitssprache, daher ungenügende Bildung und Ausbildung, daher wenig Chancen am Arbeitsmarkt, daher Gewalt, Alkohol, Drogen, Armut und Kriminalität - ist für alle Minderheiten gleich, ob indigen oder immigriert.
Die Erkenntnis, dass Bildung Sprache voraussetzt, Chancen eröffnet und Integration fördert, gibt es so lange wie sich Horden von Sozialwissenschaftlern mit Minderheiten beschäftigen, also seit Jahrzehnten. Im nun vorliegenden Integrationsbericht des Innenministeriums soll sie nun einen gewissen Aha-Effekt auslösen:
Es ist die Sprache, stupid! Wer hätte gedacht, dass "Sprachkompetenz ein wichtiger Grund" für unterschiedlich ausreichende Verwendung von Sprache ist? Oder dass Kinder mit Migrationshintergrund möglichst früh, also im Kindergarten, Deutsch lernen sollen? Es ist schwer, Zynismus zu unterdrücken.
Immerhin wird in dem Bericht in mehreren Kapiteln der zentrale Stellenwert von Bildung und Ausbildung immer wieder hervorgehoben. Auf ein paar Gemeinplätze mehr oder weniger kommt es ja wirklich nicht an. Vielleicht gibt es noch Politiker, denen die Zusammenhänge bis jetzt nicht klar waren.
Abgesehen davon, dass vieles in dem Bericht in Österreich seit mindestens zwölf Jahren hätte in Angriff genommen werden können (sieben davon waren Schwarz-Blau), soll jetzt wieder sechs Monate lang über "Unverbindliches" diskutiert werden. Sollte Innenminister Günther Platter aber den Bericht ernst nehmen, dann benötigt er gar keine "Österreich-Charta".
Dann muss er nur in das Finanzministerium pilgern und mit Parteifreund Wilhelm Molterer genügend Geld locker machen: Für Kindergartenplätze; für individuelle Förderung von Migrantenkindern in den Schulen, höhere Lehrerkosten also; für Gratis-Sprachunterricht für Erwachsene ("Mama lernt Deutsch"), für geförderte Ausbildungsplätze und Mentoren-Netzwerke etwa. Dazu braucht er keine Diskussion, nur Mut, Steuergeld für Ausländer und Migranten einzusetzen, Kritikern daran die Stirn zu bieten. Courage wird nicht er-diskutiert. Man hat sie oder eben nicht.

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