DER STANDARD-KOMMENTAR "Kranke Wirtschaft, ratlose Ärzte" von Eric Frey

Die Mischung aus Bankenkrise, Rezessionsgefahr und Inflation ist für die Börsen fatal - Ausgabe vom 22.1.2008

Wien (OTS) - Das stärkste Gift für Börsen ist die Unsicherheit. Der massive Kursverfall der Aktienmärkte in Asien und Europa am Montag - die Wall Street genoss feiertagsbedingt eine Atempause -wurde nicht durch neue Erkenntnisse über den Zustand der Weltwirtschaft und der Banken ausgelöst, sondern durch das Gegenteil:
Niemand weiß, was sich in der globalen Ökonomie eigentlich abspielt. Ausgehend von den viel zu leichtfertig vergebenen Hypothekarkrediten an amerikanische Hausbesitzer wurde die Weltwirtschaft seit dem vergangenen Sommer gleich von mehreren Krankheiten heimgesucht -manche altbekannt, andere so neu, dass kein bewährtes Heilmittel existiert.
Da kam es seit dem letzten Sommer zur völlig überraschenden Verstopfung der Geldmärkte durch die Angst der Banken, dass ihre üblichen Geschäftspartner viel mehr faule Kredite in ihren Büchern haben, als sie es zugeben. Doch in den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass die meisten Banken selbst nicht wissen, was sich eigentlich in ihren Bilanzen versteckt. Für das dritte Quartal 2007 hatten die großen Institute bereits Milliarden abgeschrieben - und mussten in den letzten Tagen zugeben, dass dies bei weitem nicht ausgereicht hat. Der Zorn der Aktionäre ist verständlich.
Die Immobilienkrise hat schließlich zu Jahresende den Amerikanern ihre Konsumlust vergällt und die US-Wirtschaft an den Rand der Rezession gebracht - oder vielleicht bereits schon mitten hinein. So genau wissen es auch die besten Ökonomen nicht.
Eine Rezession in den USA_würde die asiatischen Staaten sicher treffen und schließlich wohl auch die EU. Die oft geäußerte Hoffnung, zuletzt vom französischen Notenbankchef Christian Noyer, Europas Wirtschaft werde sich von einem Abschwung in Nordamerika abkoppeln und dennoch weiter wachsen, habe sich bisher immer als illusorisch erwiesen. Auch diesmal dürfte es nicht anders sein.
Die entscheidende Frage für Ökonomen und Börsianer ist daher, ob die US-Regierung gegensteuern kann. Hier ist die Einschätzung pessimistisch: Das vom Weißen Haus vorgestellte Konjunkturpaket sei zu schwach, weil es Steuersenkungen, die erst mit Verzögerung wirksam sind, vorsieht statt einer Erhöhung der staatlichen Ausgaben.
Die US-Notenbank Fed wiederum hat das Problem, dass Zinssenkungen noch langsamer wirken und außerdem neue Probleme schaffen können -höhere Inflation und im Extremfall eine weitere Finanzblase. Da die Fed nur die kurzfristigen Zinsen kontrolliert, würden im Falle einer steigenden Inflationserwartung der Märkte die Zinsen von Anleihen und Krediten gar nicht sinken - der Konjunktureffekt würde verpuffen. Viele Ökonomen erwarten daher für die USA eine längere Phase von sehr schwachem Wachstum, so wie es zuletzt Japan und Deutschland erlebt haben.
Die gestiegene Inflation ist die dritte ökonomische Weltkrankheit und womöglich die komplizierteste. Das starke Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts war nur möglich, weil Chinas Industriemaschine weltweit die Preise drückte. Doch nun treiben China und Indien die Agrar- und Energiepreise hinauf und machen das Management der Weltwirtschaft ebenso kompliziert wie während der Stagflation der Siebzigerjahre, als sich jedes Land zwischen mehr Inflation und mehr Arbeitslosen entscheiden musste.
All das macht die Börsen zu Recht nervös. Der Kursverfall dieser Tage verschärft die Probleme der Banken noch weiter, die nun vielleicht auch Aktienbestände abschreiben müssen. Dafür aber entspannt sich die Lage am Ölmarkt: Ein globaler Abschwung dämpft die Nachfrage nach Energie, der zuletzt durch Spekulationen hochgetriebene Ölpreis könnte noch tief purzeln.
Panikhafte Aktienverkäufe sind nicht zu empfehlen, aber Anleger sollten sich auf eine längere Durststrecke einstellen. Vor allem dürfen sie keiner Prognose zu viel Glauben schenken: Das Jahr 2008 ist selbst für erfahrene Analysten nicht abschätzbar.

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