WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Jahrzehnt der geplatzten Träume - von Michael Laczynski

Herkömmliche Mittel dürften bei dieser Krise nicht greifen

Wien (OTS) - Wer zuletzt noch Zweifel an der Tatsache hatte, dass
es um die Weltkonjunktur nicht besonders gut bestellt ist, wurde gestern eines Besseren belehrt: Rund um den Globus ging es an den Aktienmärkten rasant bergab. In Hongkong waren die Verluste so herb wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr, Japans Nikkei wurde auf den Stand von Oktober 2005 zurückgeworfen und auch in Europa hatten die Bären das Sagen. Einzig die Wall Street wurde verschont - der "Martin Luther King Day", der dritte Montag im Jänner, ist in den USA ein Feiertag. Man kann aber mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die US-Börsen heute nachziehen werden.

Das vorherrschende Thema ist die sich abzeichnende Rezession in den Vereinigten Staaten. Mit beängstigender Geschwindigkeit setzt sich die Einsicht durch, dass der Gigant USA auf tönernen Füssen steht. Was die Angelegenheit besonders problematisch macht: Herkömmliche Gegenmittel - also eine Senkung der Leitzinsen sowie ein mittelgrosses Konjunkturpaket, wie von Präsident George W. Bush am Freitag angekündigt - dürften diesmal nicht greifen.

"Financial Times"-Kolumnist Wolfgang Münchau hat gestern auf das Dilemma hingewiesen, in dem sich US-Notenbankchef Ben Bernanke befindet: Während der Rezession im Jahr 2001 konnte das durch Zinssenkungen billiger gewordene Geld in den bereits florierenden US-Immobilienmarkt gepumpt werden, was wiederum positive Auswirkungen auf Banken, Baubranche und private Einkommen hatte. Doch diesmal fallen Aktien wie Immobilienpreise - und ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht. Das billige Geld dürfte daher vor allem zur Rückzahlung von Krediten verwendet werden, so Münchaus Fazit. Das ist zwar gut für alle in Bedrängnis geratenen Banken, hat aber keine Folgen für den Konsum. Und der macht in den USA knapp 70 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. Auch die Steuersenkung steht unter keinem guten Stern: Ob die US-Bürger angesichts steigender Arbeitslosigkeit, hoher Verschuldung und anziehender Inflation ihre Kreditkarten weiter glühen lassen, ist mehr als fraglich.

Wenn es so weitergeht, wird die erste Dekade des dritten Jahrtausends in die US-Annalen als Jahrzehnt der geplatzten Träume eingehen. Nach dem Absturz einer angeblich krisenresistenten New Economy im Jahr 2000, dem Ende der Sicherheits-Illusion am 11. September 2001 und dem anschliessenden militärischen Scheitern im Irak und Afghanistan dürfte nun auch der Traum vom ewig konsumierenden US-Bürger vorläufig ausgeträumt sein.

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