Insolvenzstatistik 2007: Gläubiger zu leichtfertig bei Kreditvergabe

15.000 Gesamtinsolvenzen, 2/3 aller österreichischen Unternehmen von Kunden-Insolvenzen betroffen

Wien (OTS) - Die Insolvenzstatistik mit den endgültigen Zahlen für das Gesamtjahr 2007 bestätigt die bisherige Einschätzung von Creditreform. "Die gute Konjunktur lässt die Unternehmensinsolvenzen weiter zurückgehen. Bei den Privatinsolvenzen führt der sorglose Umgang mit Geld aber zu einem neuen Rekord. Daher müssen Gläubiger bei der Kreditvergabe oder Lieferung auf Kredit umdenken, wenn sie nicht weiter geschädigt werden wollen", sagt Rainer Kubicki, Geschäftsführer von Creditreform Österreich. 6.362 Unternehmensinsolvenzen bedeuten einen signifikanten Rückgang um 7,2%. Dagegen stieg die Zahl der insolventen Privatpersonen um 13,6% auf einen neuen Rekordwert von 8.616. 14.978 Gesamtinsolvenzen (+3,7%) im Jahr sind ebenfalls neuer Rekord.

35 Privatinsolvenzen pro Werktag - 400 Mio Euro Verbindlichkeiten

Die Zahl der eröffneten Schuldenregulierungsverfahren ist um 16,9% auf 7.331 Fälle gestiegen, die mangels Masse abgewiesenen Insolvenzanträge sind um 2,0% auf 1.285 Fälle gesunken. Damit wurden in Österreich 35 Privatpersonen pro Werktag insolvent.
Im Bundesländervergleich ist Wien mit 2.800 (+25,3%) Privatinsolvenzen am stärksten betroffen. Die größten Zuwächse verzeichneten Vorarlberg (+28,7% auf 596 Fälle) und nach der Bundeshauptstadt das Land Niederösterreich (+20,5% auf 953 Fälle). Lediglich in Kärnten gingen die Privatinsolvenzen zurück (-21,5% auf 651 Insolvenzen).

Die höchste Insolvenzbetroffenheit zeigt sich in Vorarlberg (20,8 insolvente Privatpersonen je 10.000 Erwachsene) und in Wien (20,5 insolvente Privatpersonen je 10.000 Erwachsene). Am wenigsten ist man im Burgenland und Niederösterreich von einer Insolvenz gefährdet, hier werden 7,4 Privatpersonen je 10.000 Erwachsene insolvent.

Die Median-Verschuldung beträgt lt. Schuldnerberatungen bei Privatinsolvenzen ca. 42.000 Euro, d.h. die Gesamtverbindlichkeiten aller Privatinsolvenzen und damit die von Uneinbringlichkeit bedrohten Gläubigerforderungen sind mit ca. 400 Millionen Euro zu beziffern.

17 von 1.000 Unternehmen wurden insolvent

Ein weiteres Jahr in Folge mit einer guten Konjunkturentwicklung hat auch zu einem beschleunigten Rückgang bei den Unternehmensinsolvenzen geführt (-7,2%, 6.362 Insolvenzen). Diese befinden sich somit auf dem niedrigsten Wert seit 2004. Die eröffneten Insolvenzverfahren sind um 2,3% auf 2.971 Fälle zurückgegangen, die mangels Masse abgewiesenen Verfahren um 11,1% auf 3.391. Das gerichtliche Ausgleichsverfahren mit der Intention der Rettung des Unternehmens findet faktisch nicht mehr statt: Lediglich in 49 Verfahren (-44,9%) konnte eine Einigung zwischen Schuldner und Gläubiger auf die Fortführung des Unternehmens gefunden werden.

Im Bundesländervergleich verzeichneten Tirol (-19,6%, 471 Fälle), Oberösterreich (-16,2%, 774 Fälle) und Kärnten (-11,5%, 400 Fälle) signifikante Rückgänge.

2/3 aller Unternehmen sind von Insolvenzen betroffen

Aus der aktuellen Creditreform-Analyse über die Wirtschaftslage der heimischen KMU (1.700 Befragte) ergibt sich, dass 65,7% oder 2/3 aller Unternehmen im Jahr 2007 als Gläubiger zumindest einer Kunden-Insolvenz betroffen waren - fast 20% oder jedes fünfte KMU sogar von 4 und mehr Insolvenzen! Nur 34,3% hatten innerhalb der letzten 12 Monate mit neuen insolventen Kunden nichts zu tun.

Ursachen für das Scheitern

Als Hauptursachen für die Insolvenzen ihrer Geschäftspartner haben die als Gläubiger betroffenen Unternehmen lt. Creditreform-Mittelstandsanalyse Managementfehler (75,0%), gefolgt von Kapitalmangel (71,4%) und Wettbewerb (35,9%)erkannt -immerhin 31% sehen auch den kriminellen Missbrauch als ursächlich an.

Wo ist man am häufigsten von einer Insolvenz betroffen?

Setzt man die Zahl der insgesamt bestehenden Unternehmen in einem Bundesland ins Verhältnis zur Zahl der Insolvenzen, erhält man die relative Insolvenzquote. Die höchste Insolvenzbetroffenheit weisen Wien (23,7 je 1.000 Unternehmen), Burgenland (17,9) und Kärnten (16,5) auf. Im Bundesländervergleich behält Wien auch absolut betrachtet mit 1.957 insolventen Unternehmen die Spitzenposition. Die geringste Insolvenzbetroffenheit haben Tirol mit 13,8 und Oberösterreich mit 14,1 von 1.000 Unternehmen.

Branchenranking

Die auch 2007 anhaltend gute Konjunktur schlägt besonders bei den Branchen "Unternehmensbezogene Dienstleistungen" (-31,5%, 1.667 Insolvenzen) und "Sachgütererzeugung" (-12,3%, 386 Insolvenzen) zu Buche. Bei erster hat in den vergangenen Jahren sichtlich eine Marktbereinigung stattgefunden, während die produzierende Wirtschaft von der guten Auftragslage und den Exporten vor allem in mittel- und osteuropäischen Staaten profitiert. Zuwächse bei den Insolvenzen verzeichnete hingegen der Handel (+16,4% auf 1.346 insolvente Unternehmen). Hier scheint die Marktbereinigung in vollem Gange zu sein.

Neue Privatkonkurse auch weiterhin veröffentlichen!

Vor kurzem wurde die Forderung erhoben, die Namen von insolventen Privatpersonen, die ein Schuldenregulierungsverfahren eröffnen, nicht mehr öffentlich Preis zu geben. Die Veröffentlichung sei eine unnötige Stigmatisierung.

Nicht nur aus Sicht des Gläubigerschutzes ist dem entschieden zu widersprechen, da eine allfällige Nichtveröffentlichung von privaten Insolvenzen weder den betroffenen Schuldnern noch den betroffenen Gläubigern noch der kreditgebenden Wirtschaft Österreichs nutzen würde. Denn: Die überwiegende Mehrzahl der Privatinsolvenzen wird aufgrund eines Eigenantrages des Schuldners eröffnet. Oft haben die Schuldner aber den Überblick über ihre Schulden und darüber, wem konkret sie eigentlich etwas schulden, verloren. Hier kann nur die amtswegige Veröffentlichung aller Insolvenzfälle in der Insolvenzdatei der Republik Sorge tragen, dass sich jedermann unverzüglich und authentisch - z. B. vor einer Kreditvergabe (bei Lieferung auf offene Rechnung, Versandkauf, ...) - informieren kann, ob eine Privatperson möglicherweise insolvent ist.

Ursachen für Privatinsolvenzen

Die steigenden Privatinsolvenzen und das generelle Thema Armut beschäftigen Experten schon seit Jahren, u.a. auch in einer Arbeitsgruppe des Justizministeriums, welche sich über Ursachen und Bekämpfung der steigenden Armut auseinandersetzt. Die Creditreform-Mittelstandsanalyse deckt auf: die große Mehrheit(ca. 90%) der als Gläubiger betroffenen Unternehmen sieht die primäre Ursache für Privatinsolvenzen im verantwortungslosen Umgang mit Geld, gefolgt von Scheidung (52,2%) und infolge einer Einkommensverschlechterung (36%). Ca. 1/3 der Schuldner in Privatinsolvenzen sind gescheiterte Unternehmer.

Maßnahmen dagegen

Interessant - und in Österreich zum ersten Mal erhoben - ist die Meinung der Unternehmen über Maßnahmen zur Bekämpfung der Privatinsolvenzen. Sie fordern strengere Kreditvergaberichtlinien für Konsumenten (84,7%), Ausbildungsmaßnahmen im verantwortungsvollen Umgang mit Geld (82,9%) und Datenbanken über die Bonität von Privaten (69%).

Die verschiedentlich angedachte Abschaffung bzw. Senkung der Mindestquote von 10% im Schuldenregulierungsverfahren halten hingegen 54,8% der Unternehmen für nicht geeignet, um die Anzahl von Privatinsolvenzen zu reduzieren. Dies entspricht auch der Meinung vieler Praktiker, die die Mindestquote als wichtigen Anreiz sehen und aus Gründen der Generalprävention befürworten.

Was Kreditgeber falsch machen

Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass von den rund 250.000 österreichischen kreditgebenden Unternehmen lediglich 8%, das sind ca. 20.000 Firmen, die Dienstleistungen von Wirtschaftsauskunfteien in Anspruch nehmen. Die überwiegende Mehrzahl der heimischen Unternehmen informiert sich somit nicht über die finanzielle Situation ihrer Geschäftspartner. Risiko- und Forderungsmanagement gehört aber zu einer verantwortungsvollen und nachhaltig-gesunden Unternehmensführung, umso mehr als die Entwicklung bei den Privatinsolvenzen besorgniserregend ist.

Conclusio 2007: Mehr Vorsorge-Risikomanagement

Trotz Subprime-Krise in den USA, einem Rohölpreis von 100 US-Dollar und einem starken Euro hat sich die gute Konjunktur in Österreich auch 2007 gehalten. Grund dafür ist die immer stärker werdende wirtschaftliche Verflechtung mit den neuen EU-Staaten, wo Österreich als einer der Topinvestoren gut verankert ist. Die Exportunternehmen sind dadurch nicht mehr so stark von den USA und dem Dollar abhängig wie noch vor einiger Zeit. Die Insolvenzentwicklung trägt diesem wirtschaftlichen Faktum mit einem verstärkten Rückgang 2007 Rechnung. Angesichts der nach wie vor nicht restlos aufgedeckten Leichen im Keller der US-Hypothekarbanken, der nicht vorhersehbaren Auswirkungen auf Europa und aufgrund der steigenden Inflation ist den Unternehmen verstärktes Risikomanagement zu empfehlen.

Festzuhalten ist daher: Einerseits hat ein ordentlicher Kaufmann die Verpflichtung, sich über die Kreditwürdigkeit seines Geschäftspartners zu informieren. Die Insolvenzdatei ist hier im Zusammenspiel mit den Dienstleistungen der Wirtschaftsauskunfteien ein unverzichtbares Instrument für ein präventives Risikomanagement. Andererseits trägt die Informationsmöglichkeit über die Insolvenzdatei ganz wesentlich auch zum Schutz des kreditnachfragenden Konsumenten vor einer unüberlegten (weiteren) Verschuldung bei.

Creditreform ist seit 1889 in Österreich tätig und Teil von Europas führendem Anbieter von Wirtschaftsinformationen. Über 4.500 Mitarbeiter in 19 Ländern Europas erbringen für 165.000 Kunden professionelle Dienstleistungen "rund um den Kredit", von Wirtschaftsauskünften über das Risiko- und Forderungsmanagement (Inkasso) bis zu Unternehmensratings und Marketingdatenbanken.
Seit 1. Juni 2007 ist der Österreichische Verband Creditreform als staatlich bevorrechteter Gläubigerschutzverband im Bereich der Insolvenzvertretungen tätig.

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