DER STANDARD-Kommentar "Rohrstaberl, reloaded" von Gerald John

Ausgabe vom 18.1.2008

Wien (OTS) - In Deutschland macht den Job der Ex-Boxer Lothar Kannenberg. Bei uns stünde als Zuchtmeister vielleicht Edip Secovic, der "Stier von Serbien", zur Verfügung. Oder der ehemalige Triathlet und spätere Nachtclubbetreiber Sepp Resnik. Die ÖVP hat ja auch schon den Fußballbund-Präsidenten Friedrich Stickler zum Integrationsexperten geadelt.
Doch Polemik beiseite: Es wäre zu billig, die Idee der ÖVP, Erziehungscamps für kriminelle Jugendliche einzurichten, vorschnell als Neuauflage einer "Rohrstaberl"-Debatte abzutun. Zumal nicht klar ist, was die Schwarzen genau wollen. Militärischen Drill, um verkommene Kids Disziplin zu lehren? Wer mehr über die Auswirkungen auf labile Gemüter wissen will, dem sei zum Einstieg Stanley Kubricks Film "Full Metal Jacket" empfohlen. Oder eine milde Alternative zum Gefängnis, wo Entwurzelte lernen, nach einem strukturierten Alltag zu leben? Ähnliche Angebote gabs bereits. Sie wurden eingespart.
Die ÖVP lehnt "Boot-Camps" wie in den USA, wo der Wille der Insassen gebrochen wird, zwar ab. Aber während ihrer Kanzlerschaft ließ sie blaue Law-and-Order-Politiker, die liberale Strafmethoden angriffen, gewähren. Der Verdacht liegt nahe, dass die ÖVP wieder einmal nur Härte demonstrieren will.
Dabei besteht Handlungsbedarf. Psychiater registrieren, dass wachsender Leistungsdruck immer mehr Jungen zusetzt, die hohe Jugendarbeitslosigkeit löst Zukunftsängste aus. Die einen rutschen in Depressionen, andere flüchten sich in Gewaltexzesse. Camps greifen da zu spät. Ein Problem, neben sozialen Sorgen und mangelnder Integration: Manches Kind verliert früh den Halt, weil die Eltern, oft beide berufstätig, überfordert sind. Gefragt ist kein "Heim an den Herd" für Frauen, sondern eine zeitgemäße Antwort auf Schattenseiten einer an sich positiven Entwicklung. Es sind eher Eltern, die ein "Training" brauchen.

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