"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Politik auf Tauchstation" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 18.01.2008

Wien (OTS) - Als die Wiener Börse im Februar 2006 die "Schallgrenze" von 4000 Punkten durchstoßen hat, gratulierte der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser den "Gipfelstürmern" und bat zu Pressegespräch und Umtrunk.
Im Juli 2007 führte Finanzminister Wilhelm Molterer in einer eilends einberufenen Pressekonferenz das Überschreiten der "historischen Marke" von 5000 Punkten auf die "günstigen Rahmenbedingungen und die europäische Perspektive" zurück. Er war damit deutlich zurückhaltender (und vernünftiger) als sein mediengeiler Vorgänger. Als der Wiener Börsenindex ATX diese Woche im freien Fall unter die 4000er-Marke krachte und die Aktionäre binnen weniger Tage mehr als acht Milliarden Euro einbüßten, glänzten alle Wirtschaftspolitiker durch Abwesenheit und betretenes Schweigen. Dabei würde doch der Schluss nahe liegen: Wenn sich die Politik schon regelmäßig den Höhenflug der Aktienkurse auf ihre Fahnen schreibt, sollte sie auch die Verantwortung für einen Kurssturz (mit-)tragen.
Beides ist natürlich blanker Unsinn. Politiker können allenfalls die Rahmenbedingungen schaffen, um der Wirtschaft erfolgreiches Arbeiten zu erleichtern: Durch eine vernünftige Steuer-, Bildungs- und Strukturpolitik beispielsweise. Dann sinkt die Arbeitslosigkeit, die Inflation bleibt niedrig, und das Interesse an Aktien erfolgreicher Unternehmen steigt.
Mehr ist nicht drin - weder im Positiven noch im Negativen. Das sollte auch die Opposition begreifen. In der politischen Realität wird sich an der selektiven Wahrnehmung von wirtschaftlichen Erfolgen und Misserfolgen natürlich nichts ändern. Die eigentliche Gefahr dabei ist die gezielte Verdummung der Konsumenten.
Immer mehr Menschen glauben, sich beim Einkaufen, beim Veranlagen von Geld und bei Verschuldungen voll und ganz auf den Staat und die Gesetze verlassen zu können. Die Regierung soll dafür sorgen, dass die Qualität aller vom Handel angebotenen Produkte stimmt, dass Geldanlagen "werthaltig" sind und niemand bei der Kreditaufnahme über den Tisch gezogen wird.
Schön wäre es, aber leider: Die Realität sieht anders aus. Ohne eigenes Denken, ohne die Lektüre auch des "Kleingedruckten" in Verträgen, ohne die Einschaltung des gesunden Hausverstands, also kurz: ohne Eigenverantwortung geht es nicht.
Vor zwei Jahren hat Karl-Heinz Grasser gejubelt: "Die Wiener Börse hat bereits die Höhenmeter des Großglockner (3798 Meter) überflügelt. Bei dieser Dynamik rückt nun schon bald das Gipfelkreuz des Mont Blanc (4807 Meter) immer näher." Das war richtig.
Grasser hat allerdings bewusst darauf verzichtet, auf die Risiken hinzuweisen. Wer auf den rechtzeitigen Aussstieg - also den Verkauf der hochgejubelten Aktien - vergessen hat, findet sich jetzt auf Glockner-Niveau wieder. Für etliche Anleger wäre es besser gewesen, wenn Grasser & Co auch beim Höhenflug der Wiener Börse auf Tauchstation geblieben wären, statt falsche Hoffnungen zu wecken.

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