Flavin: "Nachhaltige Bioenergie als Chance für die Ärmsten"

Wien (OTS) - Christopher Flavin, Präsident des Worldwatch
Institute in Washington DC, sieht in der Entwicklung von Bioenergie enorme Chancen für Erdöl abhängige Entwicklungsländer. Politische Rahmenbedingungen, die die ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit garantieren sind unabdinglich.

In jüngster Zeit hat sich die Bioenergie zu einem der dynamischsten und wandlungsfähigsten Sektoren in der globalen Energiewirtschaft entwickelt. Die enormen Zuwächse bei der Produktion und Nutzung von Bioenergie in den vergangenen Jahren wecken das Interesse von Politikern und Investoren aus der ganzen Welt. Derzeit dominieren die Vereinigten Staaten und Brasilien die Bioenergie-Branche, bei den Beurteilungen von Regierungen wird die geeignete Rolle der Bioenergie in ihren Energie-Portfolios für die Zukunft jedoch bereits aktiv mit einbezogen. Allein die Produktion von Biokraftstoffen hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt und wird sich wahrscheinlich in den nächsten vier Jahren erneut verdoppeln.

Die groß angelegte Entwicklung der Bioenergie bietet eine breite Palette an neuen Möglichkeiten und Risiken. Da die Fragen, die von der Entwicklung im Bereich Bioenergie aufgeworfen werden, komplex und stark von den lokalen - klimatischen, agronomischen, ökonomischen und sozialen - Gegebenheiten abhängig sind, haben pauschale Verallgemeinerungen im Hinblick auf die Effizienz bestimmter Ansätze für die Bioenergie selten Gültigkeit.

Das zunehmende Engagement für Bioenergie in den letzten Jahren stützt sich auf Studien, die belegen, dass die Diversifizierung der Energieversorgung einen Beitrag zur Umsetzung ökonomischer und ökologischer Ziele leisten kann, beispielsweise auch zur Umsetzung der von den Vereinten Nationen im Jahr 2000 verabschiedeten Millennium Development Goals. In einer Rede im Juni 2006 in Washington sagte Weltbank-Präsident Paul Wolfowitz über Bioenergie:
"Es ist eine Möglichkeit, die Energieversorgung der Welt zu steigern, um die enorm gestiegene Nachfrage zu erfüllen und hoffentlich auch die Preisspirale einzudämmen. Es ist eine Möglichkeit, dies auf umweltfreundliche und kohlenstoffneutrale Weise zu erreichen. Es ist eine Möglichkeit, dies auf eine Weise zu gestalten, dass Entwicklungsländer wie Brasilien ihren Bürgern Lohn und Arbeit bieten können."

Wie Präsident Wolfowitz bemerkt, stellen drei wichtige Faktoren den Antriebsfaktor für die Entwicklung von Biokraftstoffen dar. In armen Ländern ist der Wunsch, das hohe Maß an Abhängigkeit von importiertem Öl zu reduzieren, derzeit von vorherrschender Bedeutung. In vielen der ärmsten Ländern der Welt ist der Anteil an modernem Energiebedarf, der durch Öl erfüllt wird, viel höher als in den reichen Nationen - aufgrund der mangelnden Eigenversorgung mit Erdgas und Kohle sowie der Tatsache, dass Öl der am meisten verbreitete und am einfachsten zu transportierende Brennstoff ist. Unter den 47 ärmsten Ländern der Welt sind 38 Netto-Öl-Importeure und 25 importieren ihr gesamtes Öl.

In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden die ölabhängigen Wirtschaften drei Mal durch drastischer Ölpreiserhöhungen zu Grunde gerichtet: Mitte der 70er-Jahre, Anfang der 80er-Jahre und im gegenwärtigen Zeitraum von 2004 bis 2007. Ein großer und nicht nachhaltiger Anteil der spärlichen Deviseneinnahmen vieler armer Nationen wird für Ölimporte aufgewandt, wodurch in einigen Fällen die Vorteile der jüngsten Schuldenerlass-Vereinbarungen wieder zunichte gemacht werden. Der Präsident des Senegal, Abdoulaye Wade, beschreibt die derzeitige Ölkrise in Afrika als "eine sich ausweitende Katastrophe, die über Jahre hinaus einen Rückschlag für die Bemühungen zur Reduzierung von Armut und zur Förderung von wirtschaftlichem Wachstum darstellen könnte."

Für Länder, die 50 bis 90 Prozent ihrer modernen Energie vom instabilen Welt-Ölmarkt beziehen, sind dies starke Argumente für eine zusätzliche Diversifizierung ihrer Energieversorgung. Und viele dieser Länder liegen in tropischen Zonen, in denen bereits relativ kostengünstige Biokraftstoff-Lieferanten angebaut werden wie beispielsweise Zuckerrohr und Ölpalmen. Präsident Wade hat zwölf afrikanische Nationen davon überzeugt, gemeinsam mit dem Senegal die "Pan-Africa Non-Petroleum Producers Association (PANPP)" zu gründen, die unter anderem zum Ziel hat, eine starke Biokraftstoff-Industrie in Afrika zu entwickeln.

Die Idee hinter diesen Bemühungen besteht darin, einen Teil des Geldes, das derzeit als Zahlungen für Öllieferungen ins Ausland geht, den lokalen Agrar- und Produktionssektoren zuzuführen, wo es die Wirtschaft stärken und Arbeitsplätze schaffen könnte. Die moderne Bioenergie könnte dann dazu beitragen, den Bedarf von 1,6 Milliarden Menschen zu erfüllen, die keinen Zugang zur Stromversorgung haben, sowie von weiteren 2,4 Milliarden Menschen, die zur Erfüllung ihres Energiebedarfs von Stroh, Dung oder anderen traditionellen Biomasse-Kraftstoffen abhängig sind.

Außerhalb Brasiliens und den USA, wo beeindruckende Erträge zu verzeichnen waren, sind die Erfahrungen mit den ökonomischen und sozialen Auswirkungen des Ausbaus von Biokraftstoffen begrenzt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind diese Auswirkungen stark von den lokalen Gegebenheiten und den politischen Rahmenbedingungen abhängig, die zur Förderung der Bioenergie implementiert werden. Die Agrarpolitik -dazu gehören die Verfügbarkeit einer ländlichen Infrastruktur, Kredite und die Landbesitzverhältnisse - wird erheblichen Einfluss auf Umfang und Verteilung der ökonomischen Erträge haben. Auf internationaler Ebene werden die Bestrebungen zur Reduzierung der Agrarsubventionen in den reichen Ländern und zur Förderung des freien Handels von Agrarerzeugnissen und Biokraftstoffen wesentliche Auswirkungen haben.

Die ökologischen Auswirkungen der Biokraftstoff-Entwicklung hängen zudem von den politischen Entscheidungen ab. Ein schneller Ausbau der Biokraftstoff-Produktion stellt erhebliche Ansprüche an die weltweiten Land- und Wasserressourcen - und zwar zu einem Zeitpunkt, zu dem die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und Forstprodukten ebenfalls schnell zunimmt. Das Wachstum im Bereich Bioenergie beginnt sich bereits auf den Preis der beiden wichtigsten Agrarprodukte Mais und Zucker auszuwirken. Die sprunghaft gestiegene Nachfrage nach Palmöl in Südost-Asien veranlasst die Industrie, tropische Wälder zu roden, um neue Plantagen einzurichten. Die Fähigkeit verschiedener Bioenergie-Pflanzen zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen variiert erheblich, und wenn Wälder gerodet werden müssen, um Biokraftstoffe anzubauen, können dabei sogar noch mehr Treibhausgase entstehen als bei fossilen Brennstoffen. Sofern keine neue Richtlinien erlassen werden, um bedrohtes Land zu schützen und die Entwicklung der Bioenergie in eine nachhaltige Richtung zu lenken, könnten die Umweltschäden in manchen Fällen die Vorteile überwiegen.

Die derzeit in Entwicklung befindlichen neuen Kulturpflanzen und Verarbeitungstechniken werden die potenziellen ökologischen und ökonomischen Vorteile der Bioenergie weiter steigern. Im Bereich Bioenergie ist derzeit eine Welle von Forschungen und Entwicklungen zu verzeichnen - sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor. Der Zeitpunkt der Vermarktung ist noch ungewiss, aber die Länder, die mit dem Aufbau einer Bioenergie-Industrie begonnen haben, werden wahrscheinlich Investoren anlocken und von dem daraus resultierenden Technologietransfer profitieren.

Das gesteigerte Interesse an der Bioenergie in den kommenden Jahren wird große Anforderungen an die Entscheidungsträger stellen, insbesondere hinsichtlich der Einschätzung und Lenkung der Entwicklung neuer Industrien. Wie Brasilien und die USA bewiesen haben, sind staatliche Vorschriften und steuerliche Anreize wesentlich; die Struktur dieser Politik ist maßgeblich entscheidend für die Richtung, die die neuen Industrien einschlagen.

Entscheidend wird sein, einen Rahmen für die Entscheidungsträger zu entwickeln, um die sieben wichtigsten Fragen zur Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, mit denen die Entwicklung von Biokraftstoffen konfrontiert ist:

  • die Fähigkeit, den Armen Energiedienstleistungen zu bieten,
  • die Folgen für die industrielle Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen,
  • die Auswirkungen auf die Gesundheit und Gleichstellung,
  • die Folgen für die Agrarstruktur,
  • die Auswirkungen für die Nahrungsmittelsicherheit,
  • die Auswirkungen für Handel, Außenhandelsbilanz und Energiesicherheit,
  • die Einflüsse auf die Biodiversität, das Management der natürlichen Ressourcen und die Folgen für den Klimawandel.

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