ÖBB-Chef Huber: Verkehr muss klimaverträglich werden

Rede in Innsbruck: Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor steigen dramatisch an - "Wir merken, dass sich das Klima verändert" - Huber schlägt Maßnahmen-Paket vor

Wien (OTS) - Innsbruck, 17. Jänner 2008 - "Der Verkehr muss klimaverträglich werden," sagte ÖBB-Generaldirektor Martin Huber gestern, Mittwoch, in seiner mit Spannung erwarteten Rede beim Hotelierkongress in Innsbruck. Insbesondere müsse der CO2-Ausstoß reduziert werden; er macht in Österreich 85 Prozent der emittierten Treibhausgase aus. Der Anteil des Verkehrs-Sektors an den Treibhausgas-Emissionen ist zwischen 1990 und 2005 von 16 Prozent auf 26 Prozent gestiegen - ein dramatischer Anstieg. "Wir merken, dass sich das Klima verändert," so Huber. Der Bahnchef stellte daraufhin sechs Maßnahmen-Pakete vor, die zu einem klimaverträglichen Verkehr führen können. Die Rede ist im Originalton im ÖBB-Pressecorner unter www.oebb.at abrufbar.

Sechs Maßnahmen für einen klimaverträglichen Verkehr
"Es geht darum, die Weichen zu stellen, Maßnahmenbündel zu definieren und diese auch umzusetzen," sagte Huber. "Es muss jedes Verkehrsmittel dort eingesetzt werden, wo es von der Klimabilanz her am Sinnvollsten ist." Im Detail hieße das:

Erstens: Der CO2-intensive Verkehr auf der Straße soll nur stattfinden, wo er tatsächlich gebraucht wird. "Und der Straßenverkehr ist nicht immer notwendig," so Huber. 93 Prozent der Treibhausgase des Verkehrssektors werden im Straßenverkehr produziert. Es brauche daher ein gesellschaftliches Commitment und auch regulative Maßnahmen wie autofreie Tage und autofreie Orte.

Zweitens: Die Straßenverkehrsmittel müssen umweltfreundlicher werden - also energieeffizienter und schadstoffärmer, denn "der Straßenverkehr kann nicht zu 100 Prozent ersetzt werden," so Huber. "Ein Grundbedarf an PKW und LKW bleibt immer bestehen." Huber forderte die Industrie auf, mehr Geld in die Forschung und Entwicklung zu investieren und Lösungen zu entwickeln.

Drittens: Das Flugzeug sollte wegen seiner "verheerenden Klimabilanz" nur dort eingesetzt werden, wo die angebotene Verkehrsleistung nicht durch ein energieeffizienteres und klimafreundlicheres Verkehrsmittel erbracht werden kann. "Es geht darum, den Flugverkehr dort zu substituieren und durch die klimafreundliche Bahn zu ersetzen, wo es sinnvoll ist. Bei Destinationen von 500 bis 800 Kilometer - je nach Topographie - hat das Flugzeug in Wahrheit keinen Platz mehr," sagte Huber.

Viertens: Die Besteuerung der Energie, die für Mobilität aufgebracht wird, sollte sich stärker als bisher an der Klimaverträglichkeit orientieren. Der ÖBB-Chef äußerte in diesem Zusammenhang sein Unverständnis für die Steuerfreiheit von Flug-Kerosin: "Ich habe ein Problem damit, wenn wir heute von Ökologisierung sprechen und von Maßnahmen zur Vermeidung von Klimawandel - und auf der anderen Seite wird (Bahn)-Strom massiv besteuert und Kerosin ist steuerbefreit. Das hat keine regulatorische Wirkung in Richtung Klimabilanz," stellte Huber fest. Bei einer europaweiten Besteuerung von Flug-Kerosin entstünden den Airlines keine Wettbewerbsnachteile. Würde das Geld für den Infrastrukturausbau zweckgewidmet werden, gäbe es in ganz Europa kein Problem mehr mit der Finanzierung.

Fünftens: In der lokalen Raum- und Verkehrsplanung müssen die Voraussetzungen verbessert werden, damit für kurze Distanzen Fußgänger und Radfahrer Vorrang haben. Der lokale Verkehr im Umkreis von zwei bis 2,5 Kilometer könnte dadurch weitgehend entmotorisiert werden. "Hier ist ein Umdenken notwendig," so Huber, der neue Konzepte von den Planern forderte.

Und sechstens: der Öffentliche Verkehr. "Wir müssen die Chancen des Öffentlichen Verkehrs erkennen," so der ÖBB-Chef. "Wir müssen das Angebot massiv verbessern - nur so werden wir Erfolge am Markt erzielen können. Wir müssen die Position des Öffentlichen Verkehrs gegenüber Straße und Flugzeug stärken und wir müssen den Öffentlichen Verkehr auch ausbauen, um den Umstieg zu erleichtern. Der Öffentliche Verkehr ist DIE klimafreundlichste Mobilitätsalternative überhaupt. Eine verstärkte Nutzung bringt einen positiven Klimaeffekt." Der ÖBB-Chef sprach sich in diesem Zusammenhang für die Einführung des Generalabos Österreich aus und kritisierte die Zurückhaltung der Verkehrsverbünde.

Europäischer Vergleich zeigt Aufholbedarf Österreichs
Zwar liegt Österreich bei der Nutzung von Bahn und Bus am absoluten Spitzenplatz der EU, das Nicht-EU-Mitglied Schweiz schlägt Österreich aber immer noch deutlich, berichtete Huber. In der Schweiz werde der Öffentliche Verkehr von einem gesellschaftlichen Commitment getragen. Die Potenziale des Öffentlichen Verkehrs wurden dort um Jahre früher erkannt.

Huber: "Die Schweiz hat 20 Jahre lang konzipiert, um den Taktfahrplan einführen zu können. Es wurde auch sehr viel Geld investiert - Geld, das in den letzten 20, 30 Jahren bei uns gefehlt hat und eben nicht investiert wurde. Die Schweizer leisten sich den Öffentlichen Verkehr und das ist der große Unterschied zu uns. Es existiert ein gesellschaftliches Commitment in der Schweiz, das das Unternehmen Bahn, die Qualität und damit die Weiterentwicklung trägt. Da sind wir leider noch weit davon entfernt." Zugleich zeigte sich der Bahn-Chef überzeugt, dass auch Österreich das in den nächsten Jahren erreichen kann.

Deutlich besser als in der Schweiz liege Österreich aber im Güterverkehr. Der Anteil der Schiene am gesamten Güterverkehr beträgt 31 Prozent, der EU-Durchschnitt ist bei 18 Prozent. Bei der beförderten Tonnage liegen die ÖBB auf Platz vier in Europa, mit dem Kauf der ungarischen Güterbahn MÁV Cargo künftig sogar auf Platz 3. In der Relation "Beförderte Tonnen pro Einwohner" liegen die ÖBB sogar auf Platz 1 - vor allen EU-Mitgliedern und auch deutlich vor der Schweiz.

Huber verglich schließlich auch die Bahnnetz-Dichte in Europa, also wie viel Kilometer Schiene auf 1.000 km2 Fläche kommen. Hier liegt Österreich mit rund 67 km nur auf Platz 10. Die Schweiz führt mit rund 122 km. Das Bahnnetz in der Schweiz ist damit fast doppelt so dicht wie in Österreich. Der Bahn-Chef sprach von einem "großen Nachholbedarf" Österreichs.

Die Antworten, die Österreich auf diese Fragen finden müsse, deckten sich mit den Zukunftsprojekten des ÖBB-Konzerns - vom Ausbau der Schieneninfrastruktur für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit der Bahn gegenüber der Straße und dem Flugzeug über massive Investitionen in neue Züge, Busse und Bahnhöfe, einem leichteren Zugang zum Produkt, einem konsequenten Dienstleistungsdenken bis hin zu einem umfassenden Nachhaltigkeits-Management.

Klare Worte zur Verantwortung der Tourismus-Wirtschaft
Zum Thema Tourismus sagte der ÖBB-Generaldirektor schließlich:
"Tourismus und Verkehr sind untrennbar miteinander verbunden. Mobilität muss daher unser gemeinsames Thema sein." Huber übte in diesem Zusammenhang auch Kritik: "Die Abholung vom Bahnhof ist noch viel zu selten im Programm der Tourismus-Wirtschaft. Das ist gerade in den ländlichen Regionen sehr wichtig. Es muss ein Teil des Gesamtangebotes sein." Huber stellte klar: "Sie laden ein - als Hoteliers, als Tourismuswirtschaft - und Sie haben daher auch eine gesellschaftliche Mitverantwortung für eine klimafreundliche Anreise. Was nützt der Bio-Bauernhof, wenn der Gast 1.000 km mit dem Auto anreist? Ich biete an, verstärkt Kooperationen mit uns einzugehen."

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