WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Inflation: Des einen Leid, des anderen Freud - von Herbert Geyer

Der Finanzminister profitiert nahezu uneingeschränkt

Wien (OTS) - Ganz schön happig, die Dezember-Inflationsrate von
3,6 Prozent. Und bedenkt man, dass der Pensionisten-Preisindex gleich um ganze 3,9 Prozent gestiegen ist, so wird die - immer noch niedrige -Aufbesserung der aktuellen Pensionserhöhung durch die Regierung nachträglich noch ein wenig mehr gerechtfertigt.

Da ist es auch ein schwacher Trost, dass die durchschnittliche Jahresinflation mit 2,2 Prozent deutlich milder ausgefallen ist - der Trend weist nach oben, und es spricht wenig dafür, dass die Inflation in den kommenden Monaten unter drei Prozent fallen könnte.

Einer hat trotzdem - nahezu uneingeschränkt - seine Freude mit der Geldentwertung: der Finanzminister. Denn die Massensteuern -Mehrwert- und Lohnsteuer - wachsen direkt beziehungsweise indirekt mit der Inflation, die Zinsen für die Staatsschuld werden in der nächsten Zeit nicht wirklich zulegen. Wenn es ihm also auch heuer gelingt, die Beamtengehälter deutlich unter der Inflationsrate anzupassen, denn kommt er ganz von selbst seinem Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushaltes wieder ein Stückchen näher.

Des einen Freud, des anderen Leid: Für uns Steuerzahler bedeutet jeder Zehntel-Prozentpunkt Inflation eine zusätzliche Steuererhöhung. Denn wir zahlen für die gleichen Waren unseres täglichen Bedarfs nicht nur mehr Entgelt, sondern auch entsprechend mehr Mehrwertsteuer. Und falls es uns gelingt, unsere Einkommen - egal ob lohn- oder einkommensteuerpflichtig - wenigstens annähernd an die Inflation anzupassen, so schlägt der Finanzminister gleich doppelt zu: Logisch, dass auch das zusätzliche Einkommen voll versteuert wird, in der Regel steigt sogar der Steuersatz. Schwächer Verdienende, die bisher gar keine Steuer zahlen mussten, rutschen durch die kalte Progression plötzlich in jene Regionen, in denen der Finanzminister gleich mehr als ein Drittel des Zuwachses einbehält, und Besserverdiener können ohnehin gleich die Hälfte des Mehrverdienstes der Finanz überweisen.

Angesichts dieser Tatsache ist der Koalitionsstreit darüber, ob eher die höheren oder die mittleren Einkommen entlastet werden müssen, zynisch: Was heisst Entlastung - es geht nur darum, die jährlichen Steuererhöhungen ein wenig einzubremsen.

Fazit: Bevor über Steuersenkungen überhaupt erst geredet werden kann, müssen die Steuergrenzen um die Inflation der Jahre seit der letzten Anpassung (für den Spitzensteuersatz sind das bereits 19 Jahre!) angehoben - und dann jährlich valorisiert - werden.

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