"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Gusenbauer kann einem gefallen - oder nicht"

Mit der Feierstunde zu "Ein Jahr Regierung" hat die SPÖ wieder eine Chance vertan.

Wien (OTS) - Was gib’s da zu feiern?", wollten die paar Dutzend junge Demonstranten wissen, während in der Wiener Hofburg am Dienstag die Feierstunden "Ein Jahr Regierung Gusenbauer" vorbereitet wurde. Wirklich originell wäre gewesen, hätten sie gegen Rot-Schwarz statt mit Trillerpfeifen mit Schlüssel Lärm gemacht wie 2000 gegen Schwarz-Blau.
Als erste Konsequenz der Feierstunde sollte sich Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als SP-Chef ganz schnell von Mitarbeitern trennen: Von den Verantwortlichen für die Organisation und den Redeschreibern. Erstere hatten a)offenbar die Anziehungskraft der Macht unterschätzt und doppelt so viel Einladungen verschickt wie Plätze vorhanden, was zu massiver Verärgerung mancher Sympathisanten führte; und b) eine Terminkollision mit der Präsidentschaftskanzlei herbeigeführt.
Zweitere haben noch immer nicht begriffen, dass Gusenbauer blendend frei reden und ganz schlecht vom Blatt lesen kann. Wiens Bürgermeister Michael Häupl machte sich nicht einmal die Mühe, Grant und Fadesse zu kaschieren.
Wer immer für andere Details des angeblichen Großereignisses verantwortlich war, dürfte kein Gespür für unfreiwillige Komik haben. Das Artistenduo "Golden Power" lieferten nämlich durchaus auch eine Koalitionsakrobatik ab: Die SPÖ auf den Schultern der ÖVP in die Regierung, flachgelegt, sich verbiegend, in die starken Arme des Partners fallend, diesen umschlingend und schließlich getrennt! Zu allem Überdruß ließ man dann auch noch die Moderatorin eine Anspielung auf die Koalition machen: So schön könne Langsamkeit sein im Gegensatz zu "speed kills" (von Schwarz-Blau).
So viel zu den beziehungsvollen Äußerlichkeiten. Inhaltlich war interessant, dass Gusenbauer den stärksten Applaus bei zwei Passagen bekam, die nun mit seiner Regierungspolitik bisher gar nichts zu tun haben: Für die Verteidigung der Fristenlösung und die Verurteilung der FPÖ für ihre Aussagen im Grazer Wahlkampf.
Wer sich vom Rest der Rede neue Perspektiven erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der vorgeschriebene lautstarke Ausbruch von Zeit zu Zeit - "Und das ist meine Vorstellung von einem neuen sozialen Österreich" - erfüllt die Politik eines Regierungschefs noch lange nicht mit Leben, wenn die Passagen dazwischen mit Gemeinplätzen, bekannten historischen Betrachtungen und unstrukturierten Politikfeldern gefüllt sind. Es genügt nicht, von allen Parteien zu verlangen, sie sollten sich 2008 "staatstragend" verhalten; oder den Stehsatz von den "wirtschaftlich gute Zeiten", die auch "sozial gute Zeiten sein müssen" in Abständen zu wiederholten.
"Es kann einem gefallen oder nicht, mein Politikverständnis ist ein kooperatives", meinte Gusenbauer zum Schluss. Stilfragen sind wichtig. Politisch aber hat Gusenbauer eine weitere Chance vertan. Als er schließlich zur Gemeinsamkeit aufrief war wenigstens die Musik stimmig: "Get together".

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