"KURIER"-Kommentar von Reinhard Göweil: Zerstörerisches Geld

Die Kapitalmärkte haben ein gefährliches Parallel-Universum gezimmert.

Wien (OTS) - Die Wirtschaft in Osteuropa wächst immer noch doppelt so schnell wie jene Westeuropas. Der Nachholbedarf bleibt ungeheuer groß, die dort tätigen Firmen machen immer noch gute Geschäfte. Trotzdem wird Osteuropa plötzlich als Risiko wahrgenommen, Finanzinvestoren fliehen aus der Region. Es ist dies ein erneutes Beispiel, wie sich die globale Finanzindustrie eine eigene Wirklichkeit gebastelt hat. Zu dieser Parallelwelt gehören die immer komplexeren Finanzprodukte, die niemand mehr durchschaut. Analysten schreiben sich gegenseitig ab, Fonds-Manager reagieren gleichgeschaltet: Osteuropa ist in Zeiten der Finanzkrise ein Risiko, also raus aus dem Markt. Zu dieser Parallelwelt des Kapitals, die kein Science-Fiction-Autor jemals erträumt hat, gehört auch eine neue, seltsame Auffassung von Moral: Einige wenige Banker verspekulieren Milliarden. Der Chef der Bank muss gehen, mit 28 Millionen Dollar plus üppiger Pensionsberechtigung im Koffer. 20.000 Mitarbeiter, die mit den Spekulationen so viel zu tun haben wie Karl-Heinz Grasser mit Kraftwerken, werden dagegen einfach rausgeschmissen. Und dies beschreibt schon das Problem: Solange sich zerstörerisches Geld in der Parallelwelt aufhält, und die reale Welt in Ruhe lässt, wäre alles gut. Nur ist das leider nicht so. Weil die Banken einander nicht mehr vertrauen (mit Recht, muss man sagen), werden die Kredite für Firmen und Häuslbauer teurer. Weil die Banken auch sich selbst nicht mehr vertrauen, vergeben sie weniger Kredite, das Wirtschaftswachstum bremst sich scharf ein. Viele Menschen, die außer einem Girokonto mit einer Bank nichts zu tun haben, verlieren ihre Jobs. Die Banken stellen diesen Leuten nun die Kredite fällig, weil sie haben ja keinen Job mehr. Die schöne, neue Parallelwelt des Kapitals ist gerade dabei, ihre selbst gestrickte Panik der wirklichen Welt überzustülpen. Es wäre also an der Zeit, dem zerstörerischen Geld Einhalt zu gebieten und harte Kontrollen einzuführen. Um der Wirklichkeit eine Chance zu geben.

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