Gehrer und Hawlicek: Schulpolitik darf keine Kampfpolitik sein Präsident Spindelegger lud zu bildungspolitischer Diskussion

Wien (PK) - Eine Auseinandersetzung mit Bildungspolitik fernab des Tagesgeschäfts, das war die Intention der Diskussion "Bildungspolitik über Generationen. Schule gestern, heute, morgen", zu der der Zweite Präsident des Nationalrats, Michael Spindelegger, gemeinsam mit den Freunden der Schülerunion ins Parlament geladen hat. Für die Diskussion am Podium konnten die ehemaligen Bundesministerinnen Hilde Hawlicek und Elisabeth Gehrer sowie Martina Kaufmann, die Bundesobfrau der Schülerunion, gewonnen werden.

Präsident Spindelegger unterstrich die Notwendigkeit, sich bereits in der Schule zu engagieren und damit unter Beweis stellen zu können, dass man auch das Schicksal selbst in die Hand nehmen kann.

Die beiden Ministerinnen berichteten aus ihrem umfangreichen Erfahrungsschatz als Leiterinnen des Unterrichtsressorts, über die Schwierigkeiten, Bildungspolitik medial ins rechte Licht zu rücken, Neuerungen einzuführen und sich gegen große Widerstände bei im Bildungsbereich tätigen Gruppierungen zu behaupten. Elisabeth Gehrer sprach von weitreichender "Innovationsresistenz" und von "Blockaden" sogar bei Reformen, die von allen grundsätzlich gewünscht werden, wie z.B. bei der Ausweitung der Schulautonomie. Diese Schwierigkeiten, auch kleinere Neuerungen durchzuführen, wurden auch von Hilde Hawlicek bestätigt.

Obwohl die Meinungsunterschiede, insbesondere im Hinblick auf das Thema Gesamtschule, bei beiden ehemaligen Ressortchefinnen zu Tage traten, waren sie sich doch einig, dass Schulpolitik nicht Kampfpolitik sein dürfe. Sie appellierten an die heute Verantwortlichen, mehr miteinander zu reden.

Gehrer bedauerte, dass es ihr nicht gelungen ist, die, wie sie sagte, leidige Gesamtschuldiskussion beenden zu können. Dies sei eine Belastung für die Schule. Denn, so Gehrer, es gibt keine Entscheidung über die zukünftige Schullaufbahn mit 10 Jahren, da das heutige Schulsystem völlig durchlässig sei. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang auch an die Berufsreifeprüfung. Ihr sei es unverständlich, warum man die spezielle Förderung in unterschiedlichen Gruppen sofort als eine Segregation versteht. Qualität werde nicht durch eine Organisationsänderung erreicht, sondern hängt von individueller Betreuung und Unterstützung ab. Aus ihrer Sicht kommt auch der Leistung ein hoher Stellenwert zu.

In diesem Punkt traf sich Gehrer mit Martina Kaufmann, die darüber hinaus betonte, der Lebensraum Schule müsse Freude bereiten und ein gewaltfreies Miteinander gewährleisten.

Hawlicek stellte dem gegenüber nicht so sehr den Leistungsgedanken in den Vordergrund, obwohl dieser auch ihr wichtig war, sondern vielmehr die Chancengleichheit. Die Kluft zwischen den sozialen Schichten habe bis jetzt noch nicht überwunden werden können, da Kinder aus bildungsfernen Schichten in wesentlich geringerem Ausmaß einen höheren Bildungsabschluss erreichen. Internationale Erfahrungen hätten gezeigt, dass diese Barrieren durch eine gemeinsame Schule besser abgebaut werden können. Dem widersprach Gehrer, die meinte, es sei keineswegs erwiesen, dass eine gemeinsame Schule mehr Chancengleichheit biete. Vielmehr komme es auf die Umgebung, die individuelle Förderung und die Durchlässigkeit des Schulsystems an. Die Kraft, die die Umorganisation kostet, sollte eher für eine innere Schulreform aufgewendet werden.

Hawlicek sah im Bereich der inneren Schulreform ebenfalls ein großes Aufgabengebiet. Was sie zusätzlich von der zukünftigen Schule erwartet, das sind die Vorbereitung auf die Alltags- und Berufswelt, eine Allgemeinbildung und insbesondere die Entwicklung sozialer Kompetenzen. Für notwendig erachtete sie eine verpflichtende Lehrerfortbildung, eine Maßnahme, die auch ihr nicht gelungen ist durchzusetzen, wie sie mit Bedauern feststellte.

Für Gehrer braucht die Schule einerseits Beständigkeit und Üben, was insbesondere die Kulturtechniken betrifft, und andererseits die Reaktion auf neue Entwicklungen. Die Schule müsse auf Individualität eingehen und der Leistung einen Stellenwert geben. Auch eine höhere Wertschätzung der musischen Fächer sei notwendig, da diese eine wichtige Grundlage für innovatives Denken darstellen. Vor allem ist es der ehemaligen Ministerin ein Anliegen, die gesellschaftlich verankerte gedankliche Minderbewertung der Lehre aufzuheben. Sie wünscht sich eine Gesellschaft, die nicht alles auf die Schule abschiebt.

Der Präsident der Freunde der Schülerunion, Thomas Uher, umschrieb seine Anforderungen an die Schule von morgen mit Leistungswillen, mit Erziehung zu Eigenverantwortung und mit einem Unterricht, der neugierig macht. Nur so könne die Schule den Standortwettbewerb bewältigen.

Für die Moderation zeichnete Feri Thierry verantwortlich. Präsident Spindelegger konnte u.a. auch Nationalratsabgeordnete Silvia Fuhrmann, Bundesrätin Sissy Roth-Halvax und den ehemaligen Abgeordneten Josef Höchtl begrüßen. (Schluss)

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum:
www.parlament.gv.at

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0002