"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eskalation war kalkuliert, aber Schweigen ist keine Lösung" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 15.01.2008

Graz (OTS) - Am Tag zwei nach den inakzeptablen Hasstiraden der Grazer FPÖ-Kandidatin gegen den Islam sitzt der Schock vielen Beobachtern noch in den Knochen. Neben der tiefen Betroffenheit ist aber auch Ratlosigkeit spürbar. Ratlosigkeit darüber, was denn die angemessene Antwort auf diese unangemessene Grenzverletzung wäre.

Eines steht außer Zweifel: So holprig die FPÖ-Frau die ihr offenbar von dritter Seite vorgegebenen Zeilen vortrug, so sicher handelte es sich um eine abgefeimte Mobilisierungsaktion. Es ist traurig genug, dass die FPÖ - die vor sehr langer Zeit eine Honoratiorenpartei war -ihrer Wählerschaft zutraut, auf derart unappetitliche Reflexe zustimmend zu reagieren.

Doch auch die Medien geraten ins Zwielicht. Denn die blaue Truppe hat gewiss mit genau jener medialen Aufregung kalkuliert, die sich im Lauf des Sonntags dann prompt einstellte. Alle haben in großer Aufmachung über die Kleinpartei berichtet: zuerst die Agenturen und das Internet, dann Fernsehen und Radio, zuletzt die Tageszeitungen und in den kommenden Tagen wohl auch noch die Magazine. Auch die Kleine Zeitung war dabei.

Als Journalist kann man in so einer Frage nichts gewinnen. Natürlich besteht die Möglichkeit, nicht oder nicht in diesem Ausmaß zu berichten. Doch das Publikum erwartet zu Recht, verlässlich und vollständig über das Zeitgeschehen informiert zu werden. Ereignisse werden nach ihrer Relevanz gewichtet. Für relevant wurde der Vorfall allemal gehalten: Die zahlreichen empörten Reaktionen bis hinauf zu Kanzler Gusenbauer zeigen, dass dieser Auftritt niemanden kalt ließ.

Dennoch bleibt die Zumessung von Relevanz letztlich subjektiv. Karl Kraus hat ja darauf hingewiesen, dass auf der Welt jeden Tag genau so viel passiert, wie in der Zeitung Platz hat. Klar ist auch, dass Medien die selbst erhobenen Ansprüche nicht immer taxfrei erfüllen. Aber Schweigen ist keine Lösung. Denn erstens sollen Journalisten sich die Wirklichkeit nicht zurechtbiegen, sondern sie ohne Zorn und Eifer schildern. Zweitens darf man dem Leser zutrauen, sich sein Urteil zu bilden. Die Wahrheit ist zumutbar: eine Grundannahme der Aufklärung, die zu befördern ja die vornehmste Aufgabe des Journalismus ist.

Drittens ist die mögliche Propagandawirkung immer gegeben und darf Medien nicht mundtot machen. Das evidente politische Problem, das wir mit rechtspopulistischen Parteien haben, wird durch Wegschauen nicht kleiner. Es liegt an den Grazer Wählern, ihr Machtwort zu sprechen. Ein zu naiver Ansatz? ****

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