WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Aktienmarkt:Das Glas ist halb voll - von Robert Gillinger

Wer will sich schon gegen die Notenbanken positionieren?

Wien (OTS) - Heute beginnt wieder das grosse Zittern an den Aktienmärkten: die Citigroup legt Rechenschaft über ihren Geschäftserfolg im vierten Quartal. Wieder müssen viele Milliarden abgeschrieben werden.
Grund ist nicht nur die US-Immobilienkrise, sondern vor allem die Verknappung von Geldmitteln im Finanzsystem. Banken misstrauen einander und halten ihr Bares, denn nur das ist ja Wahres, zurück. Damit sinken zuvor aufgeblähte Bewertungen - das Spiel von Angebot und Nachfrage - und führen zu den erwähnten Abschreibungen auf zuvor bilanzierte Werte. Gerüchten zufolge werden bei der Citigroup mehr als 20 Milliarden Dollar den Bach hinabschwimmen. Kein Wunder, dass immer mehr Anleger dem Kapitalmarkt und seinen Sicherungsmechanismen misstrauen und sich enttäuscht abwenden. Gold- und Ölpreise auf Rekordniveau sind dafür ein guter Stimmungsindikator. Auch, dass bereits als fix avisierte Börsegänge plötzlich doch nicht mehr hundertprozentig wasserdicht sind - entsprechende Gerüchte gibt es bei Saubermacher - ist eine Folge davon: Emissionsbanken und Verkäufer sorgen sich um die erzielbare Bewertung (also ihr eigenes Cash).

Kurzfristig könnte die Abwendung vom Kapitalmarkt durchaus die falsche Wahl sein. Denn bei Citigroup, wie auch bei Merrill Lynch, sind neue Chefs am Werken. Die werden den ganzen in der Bilanz verborgenen Mist ihren Vorgängern anhängen und grossen Kehraus machen - vielleicht fallen die Abschreibungen somit noch höher als befürchtet aus.

Und sehen wir das dann mal von der positiven Seite: Die Gesamtverluste dürften, nach derzeitigem Stand, die Marke von 400 Milliarden Dollar nicht übersteigen. Mehr als 120 haben wir bereits hinter uns, nach dem vierten Quartal werden wir in der Gegend von 200 Milliarden sein. Ist das Glas damit erst halb geleert? Nein, es ist halb voll! Was soll die Anlegergemeinde jetzt noch erschüttern? Höchstens der komplette Zusammenbruch des Finanzsystems, aber dann ist es egal, ob in Aktien investiert wurde oder in Sparbücher. Mit dem Sparbuch stellen Sie sich jedenfalls gegen die Notenbanken: Die einen (USA) senken die Zinsen auf Teufel komm raus (was langfristig das Inflationsproblem verschärft), die anderen (Europa, Japan) sehen von geplanten Erhöhungen ab - Sparen wird so nicht wirklich attraktiver während das billige Notenbankgeld den Aktienmärkten frischen Treibstoff liefert.

Der Anlageerfolg hängt damit wie immer von der richtigen Mischung ab - und da gehören Aktien einfach dazu. Wer jetzt der Börse auf ewig Lebwohl sagt, wird langfristig vor einem leeren Glas sitzen.

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