"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Mit Besonnenheit gegen die Provokation"

Die größte Strafe für die FPÖ wäre, ihr endlich nicht auf den Leim zu gehen.

Wien (OTS) - Besser eine üble Nachred’ als gar keine. Nach diesem Motto hat Jörg Haider fast zwei Jahrzehnte lang politisch Furore gemacht.
Manchmal geschah das zufällig, wenn ihm Unsäglichkeiten mehr oder weniger herausgerutscht sind ("Ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich"); manchmal wohl kalkuliert, wie beim geschmacklosen Vergleich von Ariel Muzicant mit einem Waschmittel.
Die Aufregung war Haiders Geschäft: Hauptsache, die Menschen reden drüber. Weil über wen nicht geredet wird, für den stimmt auch keiner.
Das Phänomen Haider ist weitgehend Vergangenheit. Zu bemüht, zu wiederholt, zu provinziell sind die Provokationen des alternden Rebellen.
Aber das System der kalkulierten Provokation lebt. Haiders Nachfahren in der FPÖ haben es taxfrei übernommen (die im BZÖ können es noch nicht so gut).
Wie zum Beispiel maximiert man Stimmen bei einer bevorstehenden Stadt-Wahl? Man schreibt einer unbedarften Spitzenkandidatin ein paar Hässlichkeiten über Mohammed ins Manuskript und lässt die Dame, die sich schon früher in krause Gen-Theorien verstieg, auf das einschlägige Publikum des Partei-Neujahrstreffens los - den Rest, nämlich die gewünschte Nachred’, besorgt die Automatik der (medialen) Empörung.
Das heißt jetzt nicht, dass der gemeingefährliche Wortdurchfall der Frau Winter in Graz totgeschwiegen werden soll. (Gemein, weil Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft mit letztklassigen Vergleichen vor den Kopf gestoßen werden; gefährlich, weil der kleine radikalisierte Teil dieser Gemeinschaft nur auf solche Anlässe wartet, das apokalyptisch-xenophobe Weltbild der FPÖ zu nähren.) Nein, die Hetze ist zu verurteilen, und dass die Staatsanwaltschaft bereits aktiv ist, ist gut so.
Aber den Auftritt als das zu sehen, was er ist, nämlich eine absichtliche, durchsichtige Provokation, ist Gebot der Stunde. Sie hoffe, dass diese Provokation misslingt, um nicht denen einen Gefallen zu tun, die sie machten, hat die Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Carla Baghajati, gesagt - besonnener kann man nicht reagieren.
In Österreich leben fast 400.000 Moslems, Tendenz steigend. Das Zusammenleben mit ihnen, das gegenseitige Verstehen und die bestmögliche Integration sind die Aufgaben, die sich einer aufgeklärten Gesellschaft im 21. Jahrhundert stellen. Über menschenrechtsfeindliche und Frauen-diskriminierende Praktiken, die unter Berufung auf den Islam in ihrer Gemeinschaft auch passieren, muss diskutiert werden dürfen - vorurteilsfrei und zielorientiert, zum Wohle der Betroffenen.
Dazu braucht es alle, nur nicht die FPÖ (die in Wahrheit die Diskussion, die sie vorgibt anstoßen zu wollen, verunmöglicht). Die soll in der sudel-braunen Ecke bleiben, in die sie sich so gerne stellt.
Und ein großer Bogen um sie und den Provokations-Leim, den sie auslegt, wäre die beste Antwort.

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