Lebenshilfe Österreich fordert verbesserte Beratung bei Pränataldiagnosen und "eugenischer Indikation"

Wien (OTS) - "Die Lebenshilfe Österreich begrüßt die Diskussion um ein verbessertes Beratungsangebot bei Abtreibungen. Besonders wichtig ist uns eine unabhängige Beratung bei Pränataldiagnosen und bei den Fällen der so genannten eugenischen Indikation", meldet sich Lebenshilfe-Präsident Univ.-Prof. Dr. Germain Weber in der Debatte zu Wort.

"Aus Gesprächen mit Eltern von intellektuell behinderten Kindern wissen wir, dass sie bereits mancherorts zur Rede gestellt werden, ob sie nicht von der Möglichkeit einer Abtreibung gewusst hätten. Gerade weil wir um die Notlage der Betroffenen wissen, fordern wir eine umfassende Beratung der Schwangeren und ihrer Partner durch qualifizierte Beratungsteams", umreißt Weber einen möglichen Lösungsweg.

Vorgeburtliche Diagnosen sollten von einer psychosozialen Beratung begleitet werden. Diese sollte unabhängig, umfassend, qualifiziert und vor allem rechtzeitig stattfinden. Um auch über die guten Lebensperspektiven von Menschen mit Behinderungen informieren zu können, sollten die Erfahrungen aus dem alltäglichen, gemeinsamen Leben mit Menschen mit Behinderungen in die Beratung einbezogen werden. Ziel der Beratung ist, die Betroffenen zu einer Entscheidung zu führen, die sie im besten Wissen und Gewissen vor sich selbst verantworten können.

"Wir von der Lebenshilfe Österreich haben zunehmend den Eindruck, dass es eine gesellschaftliche Verschiebung hin zu einem "Recht auf ein perfektes, unbehindertes Leben" des Kindes gibt", so Weber weiter. Einer der vielen Gründe dafür liegt in einem Passus des "Abtreibungsparagrafen" (§§ 97 Abs. 1 Ziffer 2 des StGB). Danach können selbständig lebensfähige Föten, bei denen die Gefahr einer schweren körperlichen oder geistigen Schädigung besteht, bis unmittelbar vor der Geburt in der Regel durch einen Herzstich getötet werden. "Hier sehen wir eine fundamentale Verletzung des Gleichheitsgedankens: In der ganzen Gesetzgebung zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen unternimmt die österreichische Gesellschaft eine durchaus beeindruckende Anstrengung zur Ermöglichung von Chancengleichheit. In der so genannten "eugenischen Indikation" (also der Feststellung auf eine mögliche Behinderung) wird diese Chancengleich allerdings von vorneherein genommen", meint Präsident Weber.

Die Lebenshilfe Österreich fordert daher eine breite gesellschaftliche Debatte über die Konsequenzen vorgeburtlicher Diagnostik und über das Bild von Menschen mit Be¬hinderungen. Hier müsse eine grundsätzliche Debatte möglich sein über eine Rücknahme dieses einen Passus des Gesetzes, der über den Sinn der Straffreiheit der Abtreibung weit hinausgeht; und über alternative Formulierungen (etwa im Sinne der medizinischen Indikation mit einer sozialen Komponente)

"Uns ist bewusst, dass dies schwierige Fragen sind, die langfristig und achtsam - unter Wahrung der Rechte sowohl der Menschen mit Behinderungen als auch von Frauen - debattiert werden müssen. Eine parlamentarische Enquete zum Thema eugenische Indikation dazu wäre ein guter Anfang", meint Präsident Weber abschließend.

Die Lebenshilfe Österreich vertritt seit 40 Jahren die Interessen von Menschen mit Behinderungen. Gemeinsam mit ihren acht Mitgliedern setzt sie sich für die Gleichstellung von intellektuell und mehrfach behinderten Menschen im politischen und sozialen Umfeld ein. Die Lebenshilfe-Mitglieder begleiten Menschen mit Behinderungen im Wohn-und Arbeitsbereich das gesamte Leben über.

Die Lebenshilfe Österreich entsteht 1967 aus einer losen Interessengemeinschaft von Eltern behinderter Kinder, Sonderschullehrern und Fachärzten. Heute ist sie eine aktive, politisch agierende Interessen¬vertretung. Wichtige Meilensteine gelingen 1972 mit dem Gesetzesentwurf zur Erhöhung der Familienbeihilfe und 1991 mit den Bestimmungen des Unterbringungsgesetzes, das verhindert, dass Menschen mit intellektueller Behinderung in psychiatrische Anstalten untergebracht werden. Seit den 90er Jahren veranstaltet die Lebenshilfe Österreich Tagungen und Konferenzen, auf denen Menschen mit Behinderungen ihre Anliegen selbst zur Sprachen bringen.

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