Wirtschaftsblatt-Leitartikel: Österreich - ein internationaler Grossinvestor - von Herbert Geyer

Beim Fressen müssen Kleine nicht immer nur die Opferrolle spielen

Wien (OTS) - Österreich ist ein kleines Land ohne grosse Unternehmen, ohne grosses Kapital - es ist nur eine Frage der Zeit, bis grosse ausländische Investoren auch das letzte interessante österreichische Unternehmen aufgekauft haben. Dieses Wehklagen geht durch das Land - erst recht, wenn gerade wieder einmal eines der österreichischen Juwelen einen ausländischen Käufer gefunden hat.

Ein kleiner Trost mag sein, dass ähnliche Ängste in wiederkehrenden Wellen auch wirtschaftliche Grossmächte plagen: Auch in den USA oder in Deutschland ging in den vergangenen Jahrzehnten zuerst die Panik vor einem Aufkauf der jeweiligen Industrie durch die Araber, dann durch die Japaner, jetzt durch Chinesen und Russen durch die vor fremdem Einfluss zitternde Bevölkerung.

Es tut gut, wenn solche Ängste zuweilen durch Konfrontation mit der Realität relativiert werden: Im Vorjahr haben österreichische Unternehmen deutlich mehr im Ausland eingekauft als umgekehrt Ausländer österreichische Unternehmen übernommen haben. Selbst wenn man die als "beabsichtigt" in die Statistik der Webster University aufgenommene Übernahme der ungarischen MOL durch die OMV aus der Statistik herausrechnet (weil sie mit überwältigender Wahrscheinlichkeit auch heuer nicht stattfinden wird), haben Österreicher im Vorjahr fast doppelt so viel im Ausland investiert wie im Jahr davor. Und um ein Drittel mehr als Ausländer für den Erwerb österreichscher Firmen ausgegeben haben.

Sogar gegenüber unserem übermächtig scheinenden Nachbarn Deutschland ist die Bilanz nahezu ausgeglichen: Deutsche haben um gut 2,2 Milliarden Euro in Österreich eingekauft, Österreicher um fast zwei Milliarden in Deutschland.

Und dass Deutschland unter den Zielländern österreichischer Investments ganz vorne liegt, relativiert das Vorurteil, Österreicher kämen mit ihren Investments nur in Osteuropa zum Zug. Denn dass unser Land im Osten zu den ganz grossen Investoren zählt (praktisch überall unter den Top drei), ist wohl auch ins Bewusstsein heimischer Skeptiker gedrungen - und wird bereits als selbstverständlich hingenommen.

Selbstverständlich ist freilich gar nichts - nicht, dass Österreich in Rumänien oder Kroatien ein ganz grosser Player ist. Und erst recht nicht, dass kleine Länder im grossen Spiel des Fressens und Gefressen-Werdens stets die Opferrolle spielen müssen. Es ist schön, daran wieder einmal erinnert zu werden.

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