WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Alpen-Stromtigerist gestorben - von Alexis Johann

Es gibt einen tollen Sandkasten, in dem Burgen zerstört werden können

Wien (OTS) - Das war zu befürchten: Oberösterreichs Landesversorger Energie AG wird zu 49 Prozent verkauft. Wer von einer Teilprivatisierung spricht, so wie sie der Landtag am 5. Juli vergangenen Jahres beschlossen hat, ist definitiv auf dem Holzweg. Statt über die Börse dem rauen Kräftespiel des Marktes unterworfen zu werden, wird der Stromkonzern nun in ein trügerisch warmes Bett gelegt. Wie schon bei der Vollprivatisierung der Voestalpine ist nun in letzter Sekunde ein Friends & Sponsor-Verein in Erscheinung getreten, der die Landesregierung vor einer unpopulären Massnahme rettet.
Ohne die rund 850 Millionen, die zum Teil bereits budgetiert wurden, geht Oberösterreicher zu brüskieren, die mit ihrer Unterschrift gegen den Börsengang votiert haben? Das mag sich Landeshauptmann Josef Pühringer über die Feiertage gefragt haben und in seiner eigenen Unruhe mehrmals den Weihnachtsfrieden von Raiffeisen-Boss Ludwig Scharinger gestört haben. Klar, die RLB zieht nun beim Verkauf mit, die Oberbank ist dabei und jene nicht genannten Unternehmer, die ebenfalls bereit sind, Teile des Energiekonzerns unter Patronanz zu nehmen, werden für wenig Überraschung sorgen.

Rund 15 bis 20 Prozent der Anteile gehen jedoch von einer in die andere öffentliche Hand. Das ist die grösste Enttäuschung. Das Engagement von Tiwag und Linz AG - unter Einbeziehung einer Salzburg und Vorarlberg-Achse - mag Fantasie für einen alpinen Stromtiger brgen, der seine Gewinne über Speicherung und Wiederverkauf von Energie erwirtschaftet. Von einer Wertsteigerungs-Fantasie hat sich die schwarz-grüne Koalition dennoch verabschiedet. Denn mit der Tiwag, einer 100-Prozent-Tochter des schwarzen Landes Tirol, und der Linz AG, einer 100-prozentigen Tochter der roten Stadt Linz, gibt es einen tollen Sandkasten, in dem Burgen gebaut und zerstört werden können. Der alpine Stromtiger wird das - Reich der Fantasie nie verlassen.

Wäre der Börsengang tatsächlich so schlecht gewesen, liebe Oberösterreicher? Für die Wasserversorgung gab es eine Lösung, die ein Prozent des Emissionserlöses ausgemacht hätte. Und jenseits der Enns machte man sogar glänzende Erfahrungen mit der Börse. Landesversorger EVN eroberte unter dem Druck des Kapitalmarktes Südosteuropa und brachte dem 51-Prozent-Eigentümer Niederösterreich in 15 Jahren satte 1,5 Milliarden Kursgewinn natürlich nur auf dem Papier: trennen will man sich von der Dividenden-Maschine nicht.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | WBV0001