"KURIER"-Kommentar von Reinhard Göweil: "Sozial-Nostalgie"

Die Arbeitswelt von morgen ist beweglich - der Sozialminister ist es nicht.

Wien (OTS) - Den Lehrling oder Uni-Absolventen, der in ein Unternehmen eintritt, um dort nach 40 oder 45 Jahren in Pension zu gehen, wird es nicht mehr geben. Es ist sogar unwahrscheinlich, dass immer die gleiche berufliche Tätigkeit ausgeübt wird. Ortswechsel in europäischen Dimensionen werden gleichfalls üblicher sein, als sie es jetzt sind: Die Arbeitswelt von morgen verlangt von den heutigen Kindern, dass sie besser ausgebildet sind als die Eltern- oder Großeltern-Generation. Und sie verlangt eine enorme Beweglichkeit, vor allem eine des Denkens.
Es wäre eine schöne Sache, wenn das "Europäische Modell des Sozialstaates" diesen Wandel überlebt. Dazu gehört allerdings, dass die Sozialsysteme neu aufgestellt werden: Wenn in Zukunft während eines Berufslebens öfters zwischen unselbstständiger und selbstständiger Tätigkeit gewechselt wird, machen ständische Sozialversicherungen so viel Sinn wie eine Sonnenbrille in einer Neumondnacht. Und wenn der Beruf einmal in Wien, dann in Kiew oder Berlin ausgeübt wird, schauen nationale Sozialsysteme so alt aus wie die Höhlenmalerei von Lascaux.
Es würde zu einem "Generationen-Vertrag" gehören, wenn die Berufstätigen von morgen trotzdem ein soziales System vorfinden, das ihnen einen Teil der sich ausbreitenden Unsicherheit abnimmt -unbürokratisch, wenn’s geht.
Für einen Sozialminister, nennen wir ihn Erwin Buchinger, wären das lohnende Gedanken. Stattdessen draufzukommen, dass der heimische Arbeitsmarkt gegen die neuen EU-Länder noch stärker abgeschirmt werden sollte, ist nicht einmal Denken von gestern, sondern das Konzept einer untergegangenen Welt. Zwar tendieren Sozialpolitiker generell zur Nostalgie, aber weitsichtig ist es nicht. Und künftigen Generationen gegenüber ist es sogar eine Frechheit.

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