"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Sündenfall wird zur Norm" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 8. 1. 2008

Innsbruck (OTS) - Der französische Präsident ist verliebt. Das ist schön für ihn. Aber können Carla Brunis Modelmaße der Maßstab für die Beurteilung von Nicolas Sarkozys politischen Leistungen sein? Spricht es für die persönliche Reife eines 52-Jährigen, wenn er Monate nach der zweiten Scheidung und nur Wochen nach Beginn einer Affäre heiraten will? Und ist es statthaft für den französischen Präsidenten, sich von Milliardärsfreunden Jetset-Urlaube bezahlen zu lassen?

Eine wachsende Zahl von Franzosen beantwortet all diese Fragen nur wenige Monate nach Sarkozys Einzug in den Elysée-Palast mit Nein.

Sarkozy hat die Würde des Amtes durch die Attitüde eines verwöhnten Hollywood-Starlets ersetzt. Im Wochenrhythmus sondert er Bilder und Geschichtchen über sein Privatleben ab; keines davon hat etwas mit Politik im engeren Sinn zu tun, alle werden transportiert von Massenmedien, deren Besitzer oder Chefredakteure Sarkozy viel zu nahestehen.

Silvio Berlusconi hat diese Art von Politik vorexerziert. Ihn haben die Italiener zweimal (und nur hauchdünn nicht ein drittes Mal) gewählt - obwohl nicht nur dem Rest der Welt klar war, dass er mit allem, was er tut und wofür er gerichtlich verurteilt oder knapp nicht verurteilt wurde, massivste Eigeninteressen verfolgt.

Der Unterschied zwischen Berlusconi und Sarkozy ist, dass Letzterem die Medienkonzerne nicht gehören, die er kaltschnäuzig für seine Zwecke einsetzt. Doch "Freunderlwirtschaft" ist ein verharmlosender Ausdruck für die Schamlosigkeit und die antidemokratischen Anwandlungen, mit denen Sarkozy regiert.

Die politischen Sitten verlottern, der Sündenfall wird durch beharrliche Wiederholung zur Norm. Und dem Volk wird die Unterscheidungsfähigkeit zwischen relevanter Politik und Klatsch systematisch ausgetrieben.

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