Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Afrikanische Illusionen

Wien (OTS) - Die Koalition ist einig. Ja, wirklich, sei allen staunenden Lesern gesagt. SPÖ wie ÖVP wollen die Strafen für Kindesmissbrauch erhöhen. Nach einigen besonders abscheulichen Fällen findet das allgemeine Zustimmung.

Da aber dieses Tagebuch schon öfter dadurch negativ aufgefallen ist, dass es besonders dann kritische Argumente prüft, wenn angeblich "alle" derselben Meinung sind, sei das auch in diesem Fall getan. Und zwar nicht aus Prinzip und auch weniger wegen der grundsätzlichen liberalen Skepsis gegen die ständige Verschärfung von Strafen durch den rundum regierenden Populismus.

Die Skepsis beruht vielmehr auf den Hinweisen einschlägiger Praktiker, dass der Vorwurf des Kindesmissbrauchs sehr oft als Waffe im Scheidungskrieg eingesetzt wird. Und zwar als leichtfertig oder gar böswillig in die Welt gesetzter Vorwurf gegen den Vater respektive den Partner der Mutter. Der tut sich dann ziemlich schwer, seine Unschuld zu beweisen. Und er ist von einer Art Russischem Roulette abhängig, nämlich dem naturgemäß faktenarmen Gutachten eines Kinderpsychiaters.

Daraus folgt sicher kein Appell für die Straffreiheit von Untätern. Es sei aber an die Todesstrafen-Debatten erinnert, wo auch zu Recht immer an die vielen Fehlurteile erinnert wird. Die werden aber sicher nicht weniger, wenn die Urteile letztlich nur auf den Aussagen von Kindern beruhen können.

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In Kenia gibt es wieder mehr Hoffnung. Dennoch bleibt die Krise lehrreich: Erstens weil sich auch Massenzeitungen breit für das Land interessiert haben, die sonst viel ärgere und blutigere Dramen in Afrika total ignorieren. Aber wehe, die - schon immer völlig realitätsfern gewesene - Paradies-Illusion für Chartertouristen wird gestört!

Zweitens ist mit Kenia das allerletzte Land Afrikas in die Krise geraten, das noch als nachkoloniale Stabilitätsinsel gelten konnte. In Côte d’Ivoire und Zimbabwe sind ähnliche Illusionen schon lange kollabiert. Und anderswo hat es sie nie gegeben.

Drittens aber sollten die Europäer mit ihrem Urteil über Afrika demütig sein und an die eigene Zwischenkriegszeit denken: Wie viel Demokratie und wie viel Bürgerkrieg hat es damals auf dem weißen Kontinent gegeben?

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