"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zwei Mächte regieren Pakistan: das Militär und der Islamismus" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 31.12.2007

Graz (OTS) - Eine Annäherung an die Innenpolitik Pakistans ist einfach. Sie geht forsch ans Thema heran und entdeckt sofort, dass das Militär seit Jahrzehnten an der Macht ist. Wer auch immer formal regieren mag. Die meiste Zeit war es aus praktischen Gründen ein Militär. Die Militärs halten sich, wenn nötig, eigene Parteien. Derzeit gehört die "Muslim Liga Q" zu den Erwählten. Die jetzige Oppositionspartei "Muslim Liga N" von Ex-Ministerpräsident Nawaz Sharif war einst Eigentum von Militärdiktator Zia ul Haq. Zia ließ Benazir Bhuttos Vater Zulfikar hängen. Die Innenpolitik Pakistans ist voller Zusammenhänge.

Die Volkspartei Bhuttos gehört derzeit zur echten Opposition, obwohl Benazir wochenlang bereit war, mit dem jetzigen Machthaber Musharraf über eine Teilung der Macht zu verhandeln.

Dann gibt es unabhängige Muslimparteien, die in abgestuften Radikalitätsformen existieren, von relativ gemäßigt bis hin zur Al-Kaida-Gefolgschaft, und untereinander keineswegs einig sind. Einig sind sie sich nur in der Ablehnung des Westens.

Neben der realen Macht der Militärs ist dies die zweite Konstante der letzten zehn bis fünfzehn Jahre. Die Islamisten haben die anfänglich offene Zivilgesellschaft Pakistans erfolgreich islamisiert. Wobei ihnen die Militärs unter Zia besonders hilfreich zur Hand gingen. Das Militär glaubt, die Islamisten unter Kontrolle zu haben, bis heute.

Als dritte Konstante ist zu sehen, dass Pakistan kaum gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung zeigt. Es ist ein riesiges, bevölkerungsreiches Land mit rund 156 Millionen Menschen (Rang sechs unter allen Staaten der Welt). Das Bruttoinlandsprodukt wurde zuletzt mit 110, 7 Milliarden US-Dollar angegeben. Die acht Millionen Österreicher (Rang 91) schafften 306 Milliarden Dollar.

Die andere Annäherung an die Innenpolitik Pakistans ist intellektuell strukturschwach. Es fehlen Daten über die realen Vernetzungen der Machtgruppen. Das sollte uns nicht wundern. Auch der maximal beobachtete Sowjetkommunismus war wirtschaftlich viel katastrophaler beisammen, als der Westen meinte, bevor das System auseinander fiel. Pakistan ist nicht einfacher zu beobachten.

Selbst eine so einfache Frage wie die, ob Pervez Musharraf durch die jüngsten Ereignisse gestärkt oder geschwächt worden sei, findet gegensätzliche Expertenantworten. Ein Analyst schrieb, das "Spiel für Musharraf laufe wie geplant. Allerdings sei die Politik in Pakistan immer für Überraschungen gut". Gut oder auch nicht gut. ****

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