DER STANDARD-Kommentar "Die Ernte des Populismus" von Conrad Seidl

Ausgabe vom 31.12.2007/1.1.2008

Wien (OTS) - Fluch des Populismus: Als Oppositionspartei muss man jenen, die man für das Volk hält, aufs Maul schauen. Und unbedingt das fordern, was in den Boulevardmedien gut ankommt. Und dann der Reality-Check: Da wird man ernstgenommen und gewählt - und soll all den Unsinn umsetzen, den man in der Hoffnung auf eine gute Nachrede in der Krone und am Stammtisch so in die Welt gesetzt hat. Das geht natürlich nicht: Ein Sachzwang da, ein Sachzwang dort - und die Welt geht ihren alten Lauf, egal, wer da in der Regierung sitzt. Das hat die auf Modernisierung drängende SPÖ unter Bruno Kreisky 1970 erleben müssen, das hat die auf Systemveränderung drängende FPÖ unter Jörg Haider 2000 erleben müssen. Und das spürt die SPÖ des Alfred Gusenbauer schmerzlich.
Ja, natürlich: Ein bisserl was geht immer. Kreisky hat seinen Wählern nicht den Sozialismus gebracht - wohl aber eine weitgehende Öffnung der Gesellschaft. Haider hat keine Dritte Republik gebracht - wohl aber eine härtere Politik gegen jene, die das System der Zweiten Republik missbrauchen, sei es im Bereich des rot-schwarzen Machtkartells oder im Komplex des frühpensionsverliebten Sozialrechts und der Migration.
Den jeweiligen Anhängern ist das stets zu wenig gewesen, den Gegnern viel zu viel. Damit ist auch Alfred Gusenbauers SPÖ konfrontiert. Sie konnte keines ihrer Wahlversprechen halten. Aber sie hat sie konsequent und rasch gebrochen - was ihr heute in Umfragen vorgehalten wird, wird schon in einem Jahr als höhere Einsicht gelten. Da geht es nicht um alte Versprechen, sondern um neue Perspektiven. Und diese kann eben besser entwickeln, wer die Früchte des Populismus schon geerntet hat und, mit Macht ausgestattet, Verantwortungsbewusstsein zeigt. Kreisky hat es vorgezeigt. Haider hat es verpasst. Gusenbauers Vorbild heißt Kreisky. Dieser war 13 Jahre lang Kanzler.

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