"Kleine Zeitung" Kommentar: "Das Christkind wird für Kinder ein Zauberwesen bleiben" (von Günter Lehofer)

Ausgabe vom 24.12.2007

Graz (OTS) - Auch ich habe das Christkind gesehen. So nahe, dass
ich noch weiß, dass es eine blaue Weste angehabt hat. Mehr weiß ich nicht mehr. Es sind schon fast sechzig Jahre her. Dann muss sich das Christkind andere Aufgaben gesucht haben, als mich zu besuchen.

Eine ganze Bewusstseinswelt später, wenngleich die Zeit nur ein Jahr gewesen sein kann, als ich schon ein ganz anderes Kind geworden war, flüsterte mir jemand ins Ohr, es sei doch die Nachbarin gewesen, die da ihren Weihnachtsbühnen-Auftritt gehabt hatte. Meine Erfahrungen mit dem Christkind dürfen als gut durchschnittlich gelten: Es erscheint, wird gläubig aufgenommen und muss sich später enttarnen lassen. Das ist der Lauf der Welt in unserem Gehirn.

In der Weihnachtswelt spielt das Christkind bei uns eine Sonderrolle. Während der Weihnachtsmann ein Beruf geworden ist, in Kaufhäusern logiert, auch stets umlagert - ich sage hier nichts gegen den Weihnachtsmann - , gehört das Christkind in eine eigene Zauberwelt. Es kommt durch Wände und Türen, während das Kind davor keine Chance dazu hat und warten muss, bis es klingelt oder die Tür sich so öffnet und Christbaum und Geschenke schon richtig da sind. Das Christkind ist da schon häufig weg. Es ist ein gutes Zauberwesen, ohne weitere Ansprüche. Ich glaube, ich habe ihm nicht versprechen müssen, ein braves Kind zu sein. Dafür ist der Nikolaus zuständig.

Und auch sonst benimmt es sich anständig. Es wird eigentlich kaum mit dem Christkind in der Krippe gleichgesetzt. Ein Baby kann keine Geschenke bringen. Das sieht auch ein Vierjähriger ein. Und für alle jene, die einen existenziellen Augenblick oder mit etwas Glück mehrere davon erleben können, wenn sie bedenken, dass in der Krippe Gott Mensch geworden ist, samt all den komplizierten Fragen und Freuden, die damit verbunden sind, wer das bedenken kann, darf trotzdem unbefangen das Christkind willkommen heißen. Es ist nicht aus einer Konkurrenzwelt zur Krippe, sondern aus einer Zusatzwelt. Das Christkind in der Krippe und das Christkind außerhalb haben nur den Namen gemeinsam.

Es lässt sich sogar modernisieren. In einem Kaufhaus war eine Kollegin einst das Christkind, wurde angerufen und erschien auf dem Bildschirm und redete mit dem Kind. Es war ein Erfolgsmodell.

So wird Christkind ein Zauberwesen bleiben. Es wird sein, so lange Kinder während einer kurzen Zeit ihres Lebens bereit sind, sein Sein als real anzunehmen. Und jetzt ist wirklich Zeit, hinter der verschlossenen Tür zu klingeln. ****

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