Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Warum das alles?

Wien (OTS) - "Ja, aber sicher!" und: "Ja, natürlich." So lauten
die Antworten von Gerhard Ertl und Peter Grünberg. "Glauben Sie als Naturwissenschaftler an Gott?" So lautet die Frage, die das Magazin "Cicero" den beiden gestellt hat. Der eine ist Physiker, der andere Chemiker; und beide zählen offenbar nicht zu den blödesten in ihren Fächern: Sind sie doch gerade mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Was für deutsche Wissenschafter ja eine fast ebenso ungewöhnliche Ausnahme ist wie für einen Österreicher.
Für Österreicher klingen auch diese Antworten ungewöhnlich. Wird man doch hierzulande oft mit Aussagen zugeschüttet, dass kluge Menschen im 21. Jahrhundert wirklich nicht mehr an Gott glauben könnten. Eine Behauptung, die man übrigens noch in jedem Jahrhundert der Neuzeit hören hat können - oft von Forschern, deren Weisheiten längst schon wieder völlig überholt waren.

Natürlich ist ebenso klar: Auch die Aussagen von Nobelpreisträgern sind kein unwiderleglicher Gottesbeweis. Aber ihre Aussagen machen Mut, Glauben auch - oder gerade - in der heutigen Zeit für möglich zu halten, und nicht für etwas, das als verzopft oder rückständig gelten müsste. Sie machen zudem gerade in diesen Stunden Mut, Weihnachten nicht nur als Fest der Familie (so schön und christlich das auch ist), nicht nur als Fest von Konsum, Alkohol und Beziehungskrisen zu feiern (so unchristlich das auch ist), sondern vor allem als Fest des Christentums zu feiern.
Beide Wissenschafter weisen zu Recht jedweden religiösen Fundamentalismus wie auch den simplen Kreationismus zurück, der die Adam-und-Eva-Story wörtlich nimmt. Grünberg wagt allerdings auch die provokante Frage: "Hat es den Urknall wirklich gegeben?" Ein Urknall (aus dem Nichts?) gilt ja vielen Atheisten als der Anti-Gottesbeweis. Aber, so Grünberg: "Vielleicht war es ganz anders?" Und Ertl: "Das Leben ist ein gewaltiges Wunder"; eine Frage bleibe daher für ihn bestehen: "Warum das alles? Hier glaube ich an Gott!"
Ähnlichen Mut wie die Nobelpreisträger machen übrigens auch die zwei großen Texte, die Papst Ratzinger veröffentlicht hat, einer über die Liebe, einer über die Hoffnung. Die Katholiken können sich freuen, nach einem Papst des Charismas nun einen der philosophischen Tiefe zu haben.

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