• 21.12.2007, 17:44:07
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Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Wie einst im 14er Jahr

Wien (OTS) - Vor Jahrzehnten erschien ein Buch von Otto Molden,
das ich zu rezensieren hatte. Ich ärgerte mich ein wenig, meine Zeit
mit so unrealistischen Träumen zu vertun. Denn Molden skizzierte
darin, wo er die wahren Grenzen des Kontinents sieht - während im
wirklichen Leben eine von den höchstgerüsteten Armeen der Welt, von
Minen und Stacheldraht bewachte Mauer quer durch Europa lief.

Nun ist dieser Traum Wirklichkeit geworden. Für Menschen mit
Geschichtsbewusstsein ist das ein unglaublicher Tag. Lediglich einige
bedauerliche Flecken aus Moldens Traum gehören noch nicht zum
grenzfreien Europa: Teile des Balkans, Norwegen, die Schweiz und die
westliche Ukraine. Die korruptionszerfressenen Rumänen und Bulgaren
gehören zwar schon zu Europa, sind aber zu Recht noch nicht von der
Grenzenlosigkeit erfasst.

Wie viel Lebenszeit war den Menschen bisher durch sinnloses Warten
an den Grenzen gestohlen worden! Wie viel Leid hatte der vom
kommunistischen Imperium errichtete Eiserne Vorhang über die Menschen
an seiner Ostseite gebracht! Wie wenig haben die Österreicher
begriffen, dass es Glück und überhaupt kein Verdienst war, auf der
Westseite der Todesgrenze leben zu dürfen! Und wie rasch ist das
alles vergessen worden!

Natürlich brachte die Wende auch Schattenseiten: Die
katastrophalen Folgen des Kommunismus - also Verarmung und
moralischer Verfall - haben einen Boom an Kriminalität ausgelöst.
Dieser ist jedoch kaum durch Grenzen zu bekämpfen (wie rechte
Dummköpfe glauben), sondern nur durch effiziente Kompetenzen für die
Exekutive (welche linke Dummköpfe bekämpfen). Schlepperei etwa wird
nur dadurch wirksam bekämpft, dass ein Staat bereit und imstande ist,
unerlaubte Zuwanderer - nach einem raschen und strengen Verfahren -
wieder hinauszuwerfen. Denn ins Land gekommen sind sie auch schon in
der grenzgeschützten Vergangenheit. Und Kriminalität bekämpft man
wirksamer mit Fingerabdrücken, DNA-Analysen und Kameras als damit,
dass an einer Grenze zwei Sekunden (irgend)ein Pass hergezeigt wird.

Aber heute freuen wir uns vor allem darüber, dass wir endlich
wieder den Zivilisationsstand von 1914 erreicht haben, als man
zuletzt so frei durch weite Regionen Europa fahren konnte wie heute.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

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Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:redaktion@wienerzeitung.at

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