"Die Presse" Leitartikel: Ein Hightech-Standort kennt kein Ruhekissen von Martin Kugler

Ausgabe vom 19.12.2007

Wien (OTS) - Der Pharma-Konzern Novartis schließt sein Labor in Wien. Die Politik muss sich nun noch mehr anstrengen.

Für die Wiener Biotechnologie-Szene ist das ein herber Rückschlag:
Der Schweizer Pharma-Konzern Novartis sperrt sein Forschungslabor in Wien zu. Mit 240 Wissenschaftlern, die neue Medikamente für den Weltmarkt entwickeln, war das "Novartis Institute for BioMedical Research" eine der größten Forschungseinrichtungen, die Wien hatte. Ein Teil der Forscher wird nun "eingeladen", an den Konzernsitz in Basel zu übersiedeln. Für die restlichen Forscher soll in Wien ein neues Labor aufgebaut werden - das ist allerdings noch nicht sicher. Für die, die auf der Strecke bleiben, soll es einen Sozialplan geben. 240 Wissenschaftler, das ist in Anbetracht von 1650 Forschern, die in Österreich im engeren Sinne in der Pharma- und Biotech-Forschung beschäftigt sind, eine stolze Zahl. Das bedeutet einen gewaltigen "Brain Drain", also einen Abfluss von Know-how aus Österreich. Dieser wird eine große Lücke reißen: Spitzenforschung ist eine globale Angelegenheit - und ohne große Zugpferde ist es kaum möglich, Spitzenleute nach Österreich zu bekommen und im Land zu halten. Ganz abgesehen davon, dass hoch qualifizierte Forscher und Forschungsmanager zu den kaufkräftigsten Schichten zählen.
Gerade Wien hat in den letzten Jahren viel Augenmerk auf die Entwicklung eines schlagkräftigen Biotech-Standortes gelegt. Und dazu wurde auch sehr viel Geld in die Hand genommen. Die Politik hat damit jedenfalls auf das richtige Pferd gesetzt: Die Biotechnologie ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Die Pharma-Industrie ist mangels eigener Ideen immer mehr auf Innovationen aus der Biotechnologie angewiesen.
Österreichs Forscher sind durchaus zufrieden mit dem, was in den letzten Jahren an Förderungen und anderen Unterstützungen geschaffen wurde. Österreich hat sich von einem europäischen Nachzügler zu einem überdurchschnittlichen Land entwickelt: Die "Forschungsquote", also die Forschungsausgaben bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), ist auf deutlich überdurchschnittliche 2,54 Prozent gewachsen. Österreich ist eines der wenigen europäischen Länder, die das "Lissabon-Ziel" der EU von drei Prozent Forschungsquote im Jahr 2010 schaffen können.
Auch in der Biotechnologie war Österreich ein Nachzügler: Erst mit vielen Jahren Verspätung wurde die Branche als eine große Zukunftshoffnung erkannt. Mittlerweile gibt es aber gut 50 Biotech-Firmen mit insgesamt 7000 Beschäftigten, die einen Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Euro erwirtschaften. Das sind dank der hier tätigen globalen Firmen acht Prozent des gesamteuropäischen Biotech-Umsatzes.
Doch trotz aller Erfolge gibt es eine Reihe von Lücken und Schwachstellen. Auf die beiden größten hat kürzlich der Rat für Forschung und Technologieentwicklung - ein Beratungsorgan der Bundesregierung - aufmerksam gemacht. Zum einen würde die schwerfällige Verwaltung viele Forschungsinitiativen behindern. Und zum anderen fehle es weiterhin an qualifizierten Universitätsabsolventen, die die steigenden Forschungsbudgets auch sinnvoll "verforschen" können.
Mängel gibt es aber auch noch im Fördersystem. Nach der mittlerweile sehr gut ausgebauten Unterstützung für innovative Firmengründer geht den Unternehmen in der Folge oft das Geld aus: Es gibt keine ausreichende Wachtsumsförderung, beklagen Jungunternehmer immer wieder. Und zudem mangelt es in Österreich an Risiko-Kapital. Als Problem kristallisiert sich auch heraus, dass die moderne Forschung zunehmend teurer wird. Die Sequenzierung von Chromosomen - also die eingehende Erforschung der Erbanlagen - erfordert Geräte, die ein Unternehmen oder ein Labor nicht mehr alleine finanzieren kann. Hier, so heißt es von Forschern, ist die öffentliche Hand aufgerufen, gemeinsame Forschungs-Infrastruktur aufzubauen.

Gegen Entscheidungen von globalen Konzernen ist kein Kraut gewachsen:
Wenn ein "Big Player" wie Novartis unter dem Druck von Aktionären die Effizienz steigern will, kann das keine noch so engagierte Politik verhindern. Doch umso wichtiger ist es, die Standort-Faktoren weiter zu verbessern, um ein weiteres Wachstum der Zukunftsbranche Biotechnologie zu ermöglichen - und vielleicht sogar weitere ausländische Unternehmen anzulocken. Der Rückzug von Novartis sollte daher als Anstoß verstanden werden, sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen, sondern mit Volldampf an der Weiterentwicklung des Standorts zu arbeiten.

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