WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Schengen: Für Österreich ein Grund zum Feiern - von Herbert Geyer

Lassen wir uns von den Angsthasen die Freude nicht nehmen

Wien (OTS) - Die genaue Zahl ist nicht bekannt, es sollen aber jedenfalls weit mehr als 100 Menschen sein, die zwischen den Jahren 1948 und 1989 am Eisernen Vorhang rund um Österreichs Osthälfte ums Leben kamen, weil sie versuchten, über die Grenze in den Westen zu kommen. Die wenigen, die es schafften, den Todesstreifen zu überwinden und in die Freiheit zu gelangen, wurden hierzulande als Helden gefeiert - und in ihren Heimatländern als Verbrecher gebrandmarkt.

Mittlerweile ist es ja längst umgekehrt: Während in Ungarn, Tschechien und der Slowakei die Wachttürme abgebaut wurden, haben wir auf österreichi-scher Seite neue errichtet. Jetzt ist es das österreichische Heer, das Jagd auf illegale Grenzgänger macht. Und wer trotzdem durchkommt, wird diesseits der Grenzen als Verbrecher behandelt.

Ab kommenden Freitag soll es auch damit ein Ende haben: Die Grenzen, die gut 50 Jahre lang West und Ost, Kapitalismus und Kommunismus, trennten, gehören dann - hoffentlich endgültig - der Vergangenheit an. Gerade für Österreich ist das ein Grund zum Feiern: Schliesslich wurden diese Grenzen 1919 gegen unseren Willen gezogen, sie schnitten das plötzlich klein gewordene Österreich von seinen Lieferanten, Kunden, Nachbarn und Verwandten ab und verdammten - vor allem während der Zeit des Eisernen Vorhanges - die Bewoh-ner der grenznahen Bezirke zur wirtschaftlichen Stagnation.

Und es wird ja auch gefeiert: Zumindest sechs offizielle Feierstunden sind an den verschiedenen Grenzabschnitten geplant. Volksfeste wird es freilich - zumindest auf österreichischer Seite - nicht geben. Denn statt Freude, dass endlich wieder zusammen wachsen kann, was Jahrhunderte lang zusammen gehört hat, überwiegt hierzulande ja die Angst. Angst vor Kriminellen, Schwarzarbeitern, Schleppern und Illegalen, kurz: vor Ausländern.

Rational ist diese Angst längst nicht mehr: Da Kriminelle und Schwarzarbeiter diese Berufsbezeichnungen nicht in ihren Pass eingetragen haben, konnten sie die Grenzen schon bisher unbehelligt überqueren. Und Illegale werden seit Monaten kaum noch aufgegriffen, weil die ja bereits an den künftigen Schengen-Aussengrenzen abgefangen werden.

Lassen wir uns von den Angsthasen die Freude nicht nehmen, nützen wir die neue Reisefreiheit und freuen wir uns, dass wir dem Ziel eines vereinten Europas wieder einen Schritt näher gekommen sind. Bis bald in Brno, Bratislava, Sopron oder Maribor!

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