"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Probleme und Promis: Die blinde Republik"

Wer mit verbundenen Augen agiert, sollte nicht Überraschung heucheln.

Wien (OTS) - Eigentlich hätte der Begriff des Jahres 2007 "Augen zu" lauten müssen. Niemals zuvor konnte man nämlich so deutlich eines der durchgängigen (Staats)Prinzipien erkennen: Agieren mit geschlossenen Augen auf allen Ebenen.
Ohne das Motto "Augen zu und durch" hätte es keinen Bawag-Skandal gegeben, wie Ex-Generaldirektor Johann Zwettler (ein)gestanden hat; keinen Millionenbetrug beim Amis-Investmentfond, wie Thomas Mitter zugegeben hat; wahrscheinlich keine Affäre um Meinl European Land und Meinl Bank, hätten Bank- und Finanzmarktaufsicht früher genauer hingesehen; sicher kein Pflegechaos, hätte die schwarz-orange Regierung im Wahljahr 2006 nicht die Augen vor der Realität verschlossen. Auch könnten sich jetzt nicht so viele - von Andrea Kdolsky abwärts - von Korruptionsfällen im Gesundheitswesen überrascht zeigen.
Das Prinzip war ja bisher nicht völlig unbekannt, aber so geballt wie 2007 hat es noch nie durchgeschlagen. Dabei wirkt es immer auf die gleiche Art: Viele wissen etwas, noch mehr reden darüber, alle munkeln, keiner unternimmt etwas. Plötzlich wird etwas publik und alle geben sich verwundert.
Bei der Ursachenforschung muss man zwischen Sachproblemen, Unregelmäßigkeiten und den Fällen, in denen Prominente involviert sind, unterscheiden. Bei den Sachfragen lassen sich folgende Gründe ausmachen: Es gibt in Österreich keine Verantwortungsdisziplin mehr. Dadurch gehört das Schwarze-Peter-Spiel zur Grundqualifikation in Politik und Verwaltung.
Es gibt in Österreich auch keine soziale (und politische) Honorierung für die Verbreitung unangenehmer Wahrheiten. Wer den Finger auf einen wunden Punkt legt, bevor die Wunde öffentlich blutet, handelt sich nichts als Zores, sprich Ungemach, ein. Das ist Verdrängungskultur mit Überraschungsfaktor. Pflegemisere? Nein, so was! Kuverts für Ärzte? Nicht doch, seit wann?
Bei Unregelmäßigkeiten ist es einfacher: Es gibt keine Tradition des individuellen "Aufdeckens". Das wiederum hängt auch mit der Vermeidung von Zores zusammen. Wer will sich diese beruflich und privat schon einhandeln, nur um einen Missstand abzustellen? Manche sehen die Ursachen in der historischen Erfahrung der häufigen Systemwechsel der letzten 80 Jahren: Von der Monarchie zur Republik zum Ständestaat zum Deutschen Reich zur Republik. Wer den Mund hielt, lief nicht Gefahr, ihn auf der falschen Seite aufzumachen. So etwas nennt man nationale Prägung.
Und das kollektive Wegschauen bei Verfehlungen von Prominenten a la Meinl? Der Glamour eines Namens löst hierarchisches Denken und heimliche Bewunderung aus, verleitet zu Nachsicht und auch Feigheit. Wer will sich schon mit einem bekannten Namen anlegen? Keine Lust auf Krach, Ärger oder Sorgen. Mit geschlossenen Augen muss man sie nicht wahrhaben. Gehen sie einmal auf, wird Erstaunen geheuchelt.

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