"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Gefährliche Gier" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 14.12.2007

Wien (OTS) - Sie haben das Blaue vom Himmel gelogen, und die
Anleger haben ihnen geglaubt. Jetzt stehen die Manager des pleite gegangenen Finanzdienstleisters Amis vor Gericht. In diesem Fall können die Geschädigten wenigstens hoffen, den Schaden ersetzt zu bekommen: Laut Gerichtsurteil haben die staatlichen Kontrollen versagt.
Auch wenn kein Betrug im Spiel ist, bleibt das Muster immer das Gleiche: Den Sparern werden hohe Gewinne bei maximaler Sicherheit versprochen. Die Vermittler bekommen für einschlägige Empfehlungen weit überdurchschnittliche Provisionen. Am Ende müssen die Anleger um ihr Geld zittern oder bleiben vollends auf der Strecke.
Einklagbar sind Schäden nur, wenn Betrug oder Täuschung mit im Spiel sind. Deshalb ist auch bei scheinbar seriösen Angeboten Vorsicht am Platz. So hat Ex-Finanzminister Karl Heinz Grasser bei der Vorstellung von Meinl International Power heuer am 9. Juli erklärt:
"15 Prozent Eigenkapitalrendite sind durchaus realistisch." Klingt gut, aber seither ist der Kurs der Aktie um mehr als ein Drittel eingebrochen.
Im Kleinstgedruckten wurde zwar vor dem drohenden Verlust des Vermögens gewarnt. Das haben die vom Charme des Herrn Grasser und dem damals noch guten Namen Julius Meinl geblendeten Sparer aber nicht gelesen. Die Gier war größer als die Vorsicht.
Bei Amis hat die Republik jetzt eine schmerzliche Schlappe erlitten. Die Finanzmarktaufsicht hätte den Managern die Geschäftsführung untersagen müssen. Sie hat aber schlampig geprüft, und deshalb haften jetzt wir Steuerzahler für die Verluste.
Gierig sind aber nicht nur Anleger, sondern auch so genannte Vermögens- und Kreditberater innerhalb und außerhalb von Banken. Wie wäre sonst der Erfolg jener Kreditkonstruktionen zu erklären, bei denen die Rückzahlung eines Darlehens nicht direkt, sondern über Tilgungsträger erfolgt?
Die Rechnung ist theoretisch überzeugend: Man nimmt einen endfälligen Franken-Kredit auf und zahlt dafür an Anfang nur zwei oder drei Prozent Zinsen. Gleichzeitig kauft man irgendwelche Investmentfonds; die "Berater" versprechen oft Erträge von sechs, acht oder sogar mehr Prozent jährlich auf die Laufzeit von meist 15 Jahren. Dann wird der Kredit mit dem "Tilgungsträger" zurückgezahlt und der satte Gewinn hilft dabei mit.
Was aber, wenn die Kreditzinsen auf sechs Prozent und mehr hochschnellen, die Aktienbörsen aber crashen? Dann sind die Tilgungsträger am Ende deutlich weniger wert als für die Rückzahlung des Kredits benötigt werden. Der Schuldner muss für die Differenz zusätzlich in die Tasche greifen.
Für Berater und Banken ist es ein gutes Geschäft: Sie kassieren gleich doppelt, nämlich die Kreditprovision und zusätzlich die Provision für den Tilgungsträgers. Geldgier auf allen Seiten also. Die Schuldner - meist nicht gerade mit Reichtümern gesegnete Häuslbauer - können nur hoffen, dass die Rechnung wenigstens halbwegs aufgeht. Müssen sie am Ende doch kräftig draufzahlen, ist guter Rat teuer: Ob sie eine Chance haben, wegen schlechter Beratung oder gar Täuschung vor Gericht Schadenersatz zu bekommen, ist mehr als zweifelhaft.

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