WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Plötzlich geht’s doch länger bei der Post - von Esther Mitterstieler

Nun braucht es Einigkeit bei Strategie und im Vorstand

Wien (OTS) - Plötzlich ist die Marktwirtschaft über die Post hereingebrochen. Plötzlich ist möglich, was gestern noch gänzlich unmöglich war: Die Post wird Geschäftspakete nicht mehr bis 19 Uhr, sondern bis ein Uhr nachts liefern, für Privatkunden wird es eine Mehrfach- und Samstagzustellung geben. Leider hat der Vorstand die Möglichkeiten der Flexibilität spät entdeckt. Für zwei grosse Kunden wie Quelle und Otto Versand eben zu spät. Aber immerhin: Besser spät als nie hat man erkannt, dass Service anders ausschaut als noch in den Börseprospekten propagiert. Anleger hat man damit zwar locken können, dass der Börsegang allein dem Unternehmen aber keine Schwünge versetzen konnte, blieb lange unverstanden. Das war genau das Argument des Quelle-Chefs: Nicht der Preis hat das Unternehmen zu Hermes wechseln lassen, sondern vielmehr der viel bessere Service. Gut, dass die Post nun reagiert. Schlecht, dass man schon vorher mit einer Dynamik im Service warb, die es nicht gegeben hat und zu grossen Teilen immer noch nicht gibt. Das ist unglaubwürdig.

Dass der Vorstand auf fünf erweitert wird, ist eine andere Geschichte, die hinterfragt gehört. Quelle und Otto Versand, die beiden "Jumbos", wie Postchef Anton Wais seine zwei grössten Kunden liebevoll nannte, wurden unter der Ägide des Chefs selbst verloren. Der dafür immer wieder angeschossene Vorstand Walter Hitziger ist dafür nicht verantwortlich. Dass dieser und Kollege Herbert Götz Front gegen Wais und Rudolf Jettmar machen, ist nicht wirklich professionell. Dass Wais Finanzvorstand Jettmar in den Bawag-Aufsichtsrat schickt statt den eigentlich für das Filialgeschäft zuständigen Götz, war auch nicht hilfreich. Ein eingespieltes Team schaut anders aus.

Ob hier ein weiterer Vorstand das Feuer am Dach löschen kann, ist die grosse Preisfrage. Was die Post jetzt braucht, ist nicht nur eine durchdachte Strategie, sondern auch einen geeinten Vorstand. Ob die Aufsichtsratssitzung der Startschuss für eine frische, dynamische Post sein kann, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Fix ist: Ohne ausgewiesenen Experten im Paket- und Logistikbereich kann die Post keine Pakete gewinnen. Fix ist aber auch: Ohne Zustimmung der Belegschaft geht nichts. Wenn in einem Unternehmen immer noch die Hälfte der Belegschaft Beamte sind und wenig Freude zur Veränderung herrscht, dann müssen der Vorstand Rückgrat und die Personalvertreter Entgegenkommen zeigen. Wenn das nicht geht, dann braucht es wohl doch einen gröberen Wechsel im Vorstand.

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