Neue Bücher zur Zeitgeschichte Biographie von Rühle-Gerstel präsentiert

Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer präsentierte heute Abend im Beisein von Bundesratsvizepräsidentin Anna Elisabeth Haselbach zwei Neuerscheinungen am heimischen Buchmarkt. Einerseits wurde Marta Markovas Biographie von Alice Rühle-Gerstel der Öffentlichkeit vorgestellt, andererseits auf die neueste Veröffentlichung des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes aufmerksam gemacht.

Prammer meinte eingangs, es gebe so viele hervorragende Publikationen, die, wenn es nach ihr ginge, alle im Hohen Haus vorgestellt werden sollten. Doch da die entsprechenden Ressourcen nicht vorhanden seien, sei man dazu übergegangen, mehrere Bücher gemeinsam vorzustellen, was einen spannenden Bogen ergebe und entsprechende Diskurse ermögliche.

Die beiden Bücher, die hier vorgestellt würden, seien beide in Erinnerung an Menschen geschrieben worden, die von den Nationalsozialisten ins Exil gezwungen worden waren. Alice Rühle-Gerstel sei zu ihrer Zeit eine der bekanntesten Linksintellektuellen gewesen, die seitdem leider etwas in Vergessenheit geriet. Daher sei es gut, dass es nun dieses Buch gebe, um Rühle-Gerstel wiederzuentdecken und näher kennenzulernen.

Prammer ging auf den Lebenslauf Rühle-Gerstels ein und verwies dabei auf den Umstand, dass diese mehrere Identitäten entwickeln und leben musste. Durch ihre Flucht ins Exil ergebe sich auch eine Parallele zum zweiten Buch, das heute präsentiert werde, meinte die Präsidentin, die sich sodann auch mit dem Lebenslauf Willibald Plöchls befasste und abschließend meinte, beide Leben spiegelten die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider.

Markova würdigte Rühle-Gerstel als eine Persönlichkeit, die jahrzehntelang vergessen gewesen sei, weil sie nicht in die nationalen Klischees passte. Sie sei eine Frau gewesen, die nicht nur gegen Hitler, sondern als erste auch gegen Stalin geschrieben habe und als konsequente Antifaschistin jeder Form von Totalitarismus eine entschiedene Absage erteilt habe.

Rühle-Gerstels Leben könne in drei Perioden unterteilt werden, fuhr Markova fort, ihr populärwissenschaftliches Wirken in Deutschland, ihr journalistisches Arbeiten in der Tschechoslowakei und ihr literarisches Schaffen in Mexiko. Dabei verwies Markova auf Rühle-Gerstels umfangreiches Werk in Form von Büchern, Artikeln, Vorträgen, Reden und Rundfunkbeiträgen. Schließlich legte Markova auch die letzten Stationen im Leben Rühle-Gerstels dar und ging auf deren Selbstmord ein, der die Folge der weltgeschichtlichen Entwicklung jener Epoche war. Rühle-Gerstel sei es dabei wichtig gewesen, selbst den letzten Schritt zu setzen, schloss Markova.

Bailer nannte das Werk von Markova fundiert recherchiert und erzählt. Rühle-Gerstel sei ein Beispiel für das Schicksal der von der Ideologie der Nationalsozialisten Verfolgten, eine intellektuelle Frau der Zwischenkriegszeit, die ein bedeutendes Werk geschaffen hat - an dieser Stelle könne man auch an Rosa Mayreder oder Marie Jahoda denken -, die dann von den Nationalsozialisten verfolgt und in der Nachkriegszeit vergessen wurde. Rühle-Gerstel wurde durch den Nationalsozialismus aus ihrem politischen und sozialen Netz brutal herausgerissen und auf die wenigen verbliebenen Kontakte zurückgeworfen, woran sie letztlich zerbrach.

Schließlich ging Bailer auf die Rolle des Exils für die Wiedererstehung Österreichs ein und würdigte dessen Bemühen, Österreich als eigenständiges Land in der Erinnerung ihrer Zufluchtsorte wach zu halten. Gleichzeitig müsse man aber festhalten, dass das wiedererstandene Österreich den Vertriebenen ihr Engagement schlecht dankte. Vielen wurde absichtlich die Rückkehr erschwert, andere wurden schlicht wieder aus Österreich hinauskomplimentiert, und alle Rückkehrer hatten immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen.

Gerade deshalb sei das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes früh darangegangen, die Geschichte des österreichischen Exils zu erforschen und zu dokumentieren, erinnerte Bailer an die Publikationsreihe ihres Instituts, in der mittlerweile Bände über das österreichische Exil in der Sowjetunion, in Belgien, Frankreich und Großbritannien, in den USA und in Mexiko vorliegen. Bailer wünschte beiden Büchern eine große Leserschaft, da sie sehr interessante Einblicke in die Situation im Exil böten.

Gerhardt Plöchl nannte die Schilderung des Ablaufs des Geschehens und die Rekonstruktion der Motive der handelnden Akteure auf Basis des umfangreichen Materials als grundlegende Intentionen zur Abfassung der vorliegenden Publikation. Er sei hierbei, vor allem im Rahmen der Auswertung einiger erstmals veröffentlichter Briefe, auf neue Spuren und überraschende Einsichten gestoßen, die aus seiner Sicht eine Neubewertung zahlreicher Dokumente und folglich auch der bisher erschienen Literatur erforderten.

Konkret befasste er sich mit der Genese, der Entwicklung und mit dem Scheitern des "Free Austrian National Council" (FANC) und ging dabei insbesondere auf die Rolle seines Onkels ein, die bislang in der diesbezüglichen Literatur teilweise falsch eingeschätzt und dargestellt worden sei. Durch die Auswertung zahlreicher Quellen sei es ihm aber nun gelungen, die Person seines Onkels ins richtige Licht zu rücken, wovon die vorliegende Publikation entsprechend Zeugnis ablege.

Das bewegte Leben der Alice Rühle-Gerstel

Alice Rühle-Gerstel (1894-1943) zählt zu den bedeutendsten Frauenrechtlerinnen und Politikerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und erwarb sich zudem als Spezialistin auf dem Gebiet der Psychologie einen nachhaltigen Namen.

Geboren 1894 in eine Prager Industriellenfamilie, erhielt sie ihre Ausbildung in Prag und Dresden und studierte dann an der Karl-Ferdinand-Universität in Prag. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges engagierte sich Gerstel als freiwillige Krankenschwester, später kam sie als Gouvernante in das Haus von Elisabeth von Habsburg-Lothringen, der Tochter Kronprinz Rudolfs, die sich bald der Sozialdemokratie zuwenden sollte und als "rote Erzherzogin" (Friedrich Weissensteiner) in die Geschichte einging.

Nach dem Krieg nahm Gerstel ihre Studien wieder auf und promovierte mit einer Arbeit über Friedrich Schlegel. Sie wandte sich mehr und mehr der Psychoanalyse zu und wurde dabei als Schülerin Alfred Adlers zu einer Protagonistin der Individualpsychologie. Insbesondere befasste sie sich mit dem sozialen Hintergrund psychologischer Phänomene und legte dabei frühzeitig einen Schwerpunkt auf die Rolle der Frau - aber auch des Kindes - in der Gesellschaft. Nicht wenige sehen in Rühle-Gerstel darum auch eine Vorreiterin des Feminismus und weisen dabei insbesondere auf ihren Einfluss etwa auf Simone de Beauvoir hin.

1921 heiratete Alice Gerstel den ehemaligen Reichstagsabgeordneten Otto Rühle (1874-1943), der sich nach Jahren in der SPD dem Kommunismus und später dem libertären Anarchismus zugewandt hatte. Rühle nahm sich in besonderem Maße der Schul- und Bildungspolitik an und bemühte sich mit Wilhelm Reich um eine Synthese von Marxismus und Psychologie. Dabei arbeitete er eng mit seiner Frau zusammen, die ihren Ruf als Vordenkerin eines linken Feminismus durch zahlreiche Schriften und Vorträge in den 20er Jahren mehr und mehr festigte. Vor allem ihre Bücher "Der Weg zum Wir - Versuch einer Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie" (1927) und "Die Frau und der Kapitalismus" (1932) zählen auch heute noch zu Klassikern auf dem Gebiet progressiver Psychologie.

Um auch anderen Forscherinnen und Publizistinnen ein Forum zu ermöglichen, gründete Rühle-Gerstel 1924 den Verlag "Am anderen Ufer", zudem arbeitete sie intensiv an sozialistischen Erziehungsprogrammen mit, welche vom roten Wien unter den Bürgermeistern Reumann und Seitz initiiert worden waren. 1932 kehrte sie nach Prag zurück, wo sie als Redakteurin des "Prager Tagblatt" arbeitete, ehe sie 1936 eine Einladung der mexikanischen Regierung unter Lazaro Cardenas, ihre Tätigkeit in Mexiko fortzusetzen, annahm.

Dort kamen Rühle und Rühle-Gerstel rasch mit Künstlern wie Frida Kahlo und Diego Rivera, aber auch mit Leo Trotzki, dem seinerzeitigen Anführer der bolschewistischen Revolution, in Kontakt. Rühle und Rühle-Gerstel zählten denn auch zu den Verteidigern Trotzkis gegen die absurden Anschuldigungen der Moskauer Propaganda. 1941 wurde sie Professorin an der Universität Morelia, nach dem Tod ihres Mannes beschloss Rühle-Gerstel, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.

Der Band von Marta Markova "Auf ins Wunderland" behandelt das Leben der Alice Rühle-Gerstel als Beispiel für die intellektuelle Entwicklung des frühen 20. Jahrhunderts und setzt sich mit einem außergewöhnlichen Leben und dessen vielen Facetten ebenso einfühlsam wie kenntnisreich auseinander. Markova wurde 1947 in Tschechien geboren, studierte an der Prager Karls-Universität und wirkt nach langen Jahren als Journalistin heute als freie Publizistin. Ihr Band ist im Innsbrucker Studien-Verlag erschienen, umfasst 530 Seiten und ist zum Preis von 49 Euro 90 im Buchhandel erhältlich.

Willibald Plöchl und Otto Habsburg in den USA

Die vorliegende Publikation, die sich vor allem auf Primärquellen wie Briefe und andere persönliche Dokumente stützt, unternimmt den Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse um Initiierung, Gründung und Scheitern des "Free Austrian National Council", das auf Initiative Willibald M. Plöchls zur Vertretung Österreichs und als Vorstufe einer Exilregierung im Einvernehmen mit dem State Department entstand und zwischen 19.September 1941 und 5.April 1943 als Körperschaft mit diesen Aufgabenbereichen fungierte.

Zu Beginn des Bandes steht eine Skizze der legitimistischen Bewegung Österreichs, in deren Reihen es nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich zu Verhaftungswellen kam. Willibald Plöchl selbst, der nur knapp einer Inhaftierung und Deportation entging, fand erste Zuflucht in den Niederlanden, 1940 flüchtete er über Portugal in die USA und ging daran, erste Schritte in Richtung Bildung einer Exilregierung zu setzen.

Die weiteren Kapitel des Buches thematisieren die Schaffung einer österreichischen Nationalregierung auf Basis des Vorschlags des demokratischen Abgeordneten James Andrew Shanley und des Prinzips der Rechtskontinuität der letzten Regierung Schuschnigg. Die Position des Präsidenten des "Free Austrian National Council" (FANC) nahm daher Hans Rott, ehemals Bundesminister ohne Portefeuille im Kabinett Schuschnigg IV, ein, Willibald Plöchl selbst fungierte als "Chairman".

Der letzte Teil des Bandes befasst sich mit dem Ende des FANC, das 1943 seine Arbeit einstellte. Abschließend erläutert der Autor grundlegende Positionen Willibald Plöchls zu Emigration und Exil. Im Anhang der Publikation finden sich Erweiterungen unter dem Titel "Spurensuche", Briefdokumente, eine Auflistung der Organisationen der politischen Emigration in den USA sowie Kurzbiographien der Akteure.

Der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands herausgegebene Band von Gerhardt Plöchl: "Willibald Plöchl und Otto Habsburg in den USA. Ringen um Österreichs "Exilregierung" 1941/42" ist im Selbstverlag erschienen und umfasst 288 Seiten. (Schluss)

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