"Die Presse" Leitartikel: Die Mär vom schwachen Putin-Nachfolger von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 12.12.2007

Wien (OTS) - Hören wir einfach zu, was Dmitrij Medwedjew zu
sagen hat. Und hören wir auf, wild zu spekulieren.

War's das also? Haben sich die Moskauer Nebel gelichtet, hat sich das Geschehen in dem verworrenen russischen Theaterstück "Wer regiert das Land nach Putin" endlich geklärt? So, wie sich die Dinge seit dieser Woche präsentieren, scheint tatsächlich alles klar: Wladimir Putin wünscht sich seinen langjährigen Vertrauten, den Ersten Vizepremier Dmitrij Medwedjew, als Nachfolger. Und Putins Wunsch und Wille ist der Mehrheit der russischen Wählerschaft ein Auftrag.
Medwedjew wiederum wünscht sich von Putin "eindringlich", dass der unter seiner Präsidentschaft das Ministerpräsidentenamt übernehmen wird. Damit hätten wir also ab Mai das neue russische Führungsgespann: Präsident Medwedjew, Premier Putin. Vorausgesetzt natürlich, dass Putin diesen Posten überhaupt will. Und das ist derzeit noch keinesfalls so sicher.
Die Russen sind bekanntlich großartige Schachspieler. Die Züge, die wir zuletzt auf dem politischen Brett gesehen haben, waren gewiss seit langem so geplant. Wiederholt wurden in den vergangenen Monaten neue Namen als mögliche Putin-Nachfolger ins Spiel gebracht; etwa der des Überraschungspremiers vom September, Viktor Subkow. Ausgerechnet dieser frühere Sowchose-Direktor sollte Russland in eine neue Ära der Modernisierung steuern?
Über kein anderes europäisches Land konnten Politikwissenschafter und Publizisten zuletzt so wild darauf losspekulieren wie über Russland. Manchmal hat man das Gefühl, dass Putin und seine Berater diese Gerüchte bewusst anheizen. Vielleicht sitzen sie dann bei einem Gläschen zusammen, schauen sich die Ergebnisse ihres Hase-und-Igel-Spiels mit den Analytikern an und lachen sich krumm über die selbsternannte Zunft der Kremlologen. Tarnen, täuschen, irreführen - die Ex-Geheimdienstler, die heute in Russland das Sagen haben, beherrschen all das exzellent.
Dmitrij Medwedjew ist nach allem, was bekannt ist, kein "Silowiki", kein Vertreter aus einem der mächtigen Sicherheitsapparate. Medwedjews Eltern sind beide Universitätsprofessoren, er ist leidenschaftlicher Jurist und mit Herz und Seele St. Petersburger -wie Putin. Beide hatten mit Anatolij Sobtschak in der Newa-Metropole denselben Förderer. Kenner beschreiben das Verhältnis zwischen Putin und Medwedjew als eine Art Vater-Sohn-Beziehungen. Die beiden Politiker pflegen auch privat engen Kontakt.
Nur, heißt das wirklich, dass Putin sich für Medwedjew nur deshalb entschieden hat, weil dieser unterwürfig, schwach und leicht steuerbar ist - von welchem Posten aus auch immer, den Putin nach dem 2. März einnehmen wird? Und wer sagt überhaupt, dass Medwedjew "schwach" ist? Schwach etwa nur, weil er äußerst manierlich aussieht und mit sanfter Stimme spricht? Da kommt einem der einstige US-Präsident Theodore Roosevelt in den Sinn, der das außenpolitische Motto hatte: "Speak softly and carry a big stick."
Es wäre für Kreml-Beobachter an der Zeit, offen zuzugeben, dass sie nicht wahnsinnig viel Konkretes wissen, was in Moskau wirklich vor sich geht; warum sich Putin wann und mit welchem Zweck gerade für Medwedjew entschieden hat; von welcher Funktion aus er selbst weiter Einfluss auf die Entwicklungen nehmen will; wie stark oder schwach im russischen Machtgefüge Medwedjew ist.

Bis zur Präsidentenwahl im März kann es durchaus weitere Überraschungen geben - etwa einen zweiten vom Kreml ins Rennen geschickten Nachfolgekandidaten, damit es Medwedjew und dem russischen Publikum im Wahlkampf nicht zu fad wird. Im Ausland ist Medwedjews Kür übrigens gut angekommen: Liberal, marktwirtschaftlich und sozial orientiert, teamfähig, pragmatisch waren einige der Charakterisierungen, die man in westlichen Hauptstädten hörte. Einer, mit dem man gut können wird. Vielleicht. Aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken.
Medwedjew selbst gab am Dienstag zu, dass es mit seiner Nominierung für das Präsidentenamt vor allem um die Fortsetzung der Politik Putins ging: "Russland ist heute anders, viel stärker und wohlhabender. Wir werden mit Respekt behandelt und uns wird wieder zugehört. Wir werden nicht mehr wie Schulkinder behandelt."
Ergo: Russland würde auch unter einem Präsidenten Medwedjew seine selbstbewusste Außen- und Sicherheitspolitik verfolgen, die in vielen Punkten anders akzentuiert ist als die europäische und amerikanische. Russland wird deshalb ein schwieriger Partner bleiben. Hören wir einfach zu, was der kommende Mann zu sagen hat. Und hören wir auf, zu spekulieren.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001