Bundesrats-Enquete (3) Die Debatte

Wien (PK) - Nach den Beiträgen der Referenten (siehe PK Nr. 992) und Experten (siehe PK Nr. 993) fand noch eine rege Diskussion stand, bei der sich zunächst die Vertreter der Länderkammer zu Wort meldeten. So wies Bundesrat Wolfgang Schimböck (S) darauf hin, dass es zwar zahlreiche Berichte zu den verschiedensten Themen gebe, aber bis dato noch keine Bildungsdokumentation. Aufschrecken sollte uns auch die Tatsache, dass jährlich 14.000 RisikoschülerInnen die Volksschule verlassen; ähnliche Probleme gebe es auch hinsichtlich der AbsolventInnen von Berufsmaturaprüfungen. Schimböck sprach sich zudem noch für die Forcierung von modularen Ausbildungssystemen, die Unterstützung von älteren Arbeitnehmern sowie für die individuelle Förderung der Schwächeren, insbesondere der Migranten, aus.

Bundesrätin Sonja Zwazl (V) betonte die Förderung der individuellen Begabungen, Talente und Fähigkeiten. Deshalb freue sie sich, dass sich heute alle dazu bekannt haben, in der 7. Schulstufe eine verpflichtende Berufsorientierung vorzusehen. Gleichzeitig sollten ihrer Meinung nach die Berufsinformationstests noch stärker genutzt werden. Damit würde man auch das Problem lösen, dass die Mehrzahl der Mädchen den Friseur- oder Einzelhandelsberuf wählen, weil sie gar nicht ihre Talente kennen.

Bundesrätin Eva Konrad (G) wies darauf hin, dass es laut der letzten PISA-Studie zwei gefährdete Gruppen in Österreich gebe, und zwar Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie Kinder aus bildungsfernen Schichten. Das Schulsystem müsse daher so umgestaltet werden, dass diese diskriminierten Gruppen mehr Chancen bekommen. Ein großes Problem stelle ihrer Meinung nach die frühe Selektion dar, also dass man bereits im Alter von zehn Jahren entscheiden muss, welchen Weg man geht. Ein modernes Schulsystem sollte nach Auffassung von Konrad auch nicht schwächenorientiert sein, so wie dies derzeit der Fall ist, sondern sich auf die Stärken der Schüler konzentrieren und eine individuelle Förderung ermöglichen.

Bundesrätin Monika Mühlwerth (o.F.) schloss sich der Aussage von Ministerin Schmied an, wonach sich Leistung und Freude im Schulbereich nicht ausschließen sollen. Ihrer Meinung gehe es vor allem darum, dass die Schüler zuerst einmal wieder Lernen lernen und dass die Wissbegier und die Neugierde erhalten bleiben. Wenn dies gelinge, dann sei auch ein großer Schritt in Richtung lebenslanges Lernen und Weiterbildung getan, war Mühlwerth überzeugt. Ihrer Vorrednerin gegenüber hielt sie entgegen, dass die Durchlässigkeit des Systems auch für MigrantInnen gegeben sei, sie müssten es nur annehmen.

Bundesrätin Susanne Neuwirth (S) thematisierte vor allem die geschlechtsspezifische Segmentierung im Bildungsbereich und am Arbeitsmarkt. Bedenklich sei für sie das Ergebnis der PISA-Studie, wonach 25 % der Schülerinnen zur Risikogruppe in Mathematik gehören und dass der Unterschied zwischen Mädchen und Burschen in den naturwissenschaftlichen Fächern in Österreich am höchsten ist. Außerdem seien drei Viertel der beschäftigten Frauen in nur neun Berufsgruppen tätig, zeigte Neuwirth auf. Sie forderte daher, dass Lehrer "verpflichtend geschlechtssensibel ausgebildet" werden, nur dann können die stereotypen Rollen aufgebrochen werden.

Bundesrat Andreas Schnider (V) konzentrierte sich in seiner Wortmeldung auf den Bereich lebenslanges Lernen, weshalb es so wichtig sei, den Bildungsbereich in seiner Gesamtheit zu sehen. Aus seiner Sicht sei es wichtig, sich vermehrt den Übergängen zwischen den unterschiedlichen Altersgruppen anzunehmen und die Sozial- und Freizeitpädagogen sowie die KindergärtnerInnen "in die Schule mit hereinholen". Außerdem müssten in der Schule die verschiedenen Lernorte verknüpft werden, forderte Schnider.

Auch der Vertreter des Bundeslandes Kärnten, Otto Prantl, befasste sich mit dem Thema lebenslanges Lernen, das sehr viele Aspekte umfasse. Weiters wies er darauf hin, dass das bundesweite Projekt "Lehre mit Matura" in Kärnten schon Realität sei. - Abgeordneter Erwin Niederwieser (S) hob die Bedeutung der Berufsorientierung sowie die Verbesserung bei der Bildungskarenz hervor, die in der letzten Woche beschlossen wurde. - Bundesrat Erwin Preiner, der als Vertreter des Burgenland sprach, informierte über die Entwicklung der Schulversuche in seinem Bundesland seit Ende der 70er Jahre. Das Modell der neuen Mittelschule soll in zwei Bezirken, in Jennersdorf und Güssing, umgesetzt werden. - Den Unternehmen müsse noch mehr bewusst werden, dass es in ihrem eigenen Interesse sei, Lehrlinge auszubilden, betonte Abgeordneter Veit Schalle (B). Derzeit gebe es fast 7.000 Lehrlinge, die keinen Ausbildungsplatz haben. Die Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft, z.B. in Form von Schnupperwochen, sollte noch viel mehr gefördert werden, forderte Schalle. - Abgeordneter Kurt Grünewald (G) sprach die "soziale Schieflage" in Hinblick auf den Zugang zu höherer Bildung an. Österreich weise z.B. eine sehr schlechte Hochschulübertrittsrate und unterdurchschnittliche MaturantInnenquoten auf. Der größte Skandal sei seiner Meinung nach die Lehrerausbildung für die Grundschulen, da nicht nach internationalen Kriterien ausgebildet werde.

Abgeordneter Franz Kirchgatterer (S) begrüßte die Absicht, die Berufsorientierung als Pflichtfach einzuführen. Mehr Wertschätzung verlangt der Redner für die Facharbeit; würden Facharbeiter besser angesehen, würde dies auch die Suche nach qualifizierten Lehrlingen erleichtern, zeigte sich der Abgeordnete überzeugt.

Abgeordnete Silvia Fuhrmann (V) erinnerte an die Erhöhung der Bildungsbudgets seit 1995, meinte aber gleichzeitig, Geld sei in der Bildung nicht alles, wie Länder zeigten, die mit wenig Geld erfolgreiche Bildungspolitik machten. Beim Schulversuch "Neue Mittelschule" sei die Einbeziehung der Schulpartner wichtig, wobei Fuhrmann bedauerte, dass die Schüler selbst in die Entscheidung nicht einbezogen seien. Die Hauptschule sei keine Einbahnstraße, hielt die Abgeordnete gegenüber Vorrednern fest, ebenso wenig wie eine Lehre, die bereits von 2000 jungen Menschen jährlich in Kombination mit einer Matura abgeschlossen werde.

Abgeordneter Hannes Bauer (S) kritisierte zu starre Rahmenbedingungen in der Schulpolitik und hielt eine ehrliche Diskussion darüber für notwendig, warum die Republik für Lehrlinge viel weniger Geld ausgebe als für Schüler. Warum müsse ein Lehrling sich jede Weiterbildung selbst bezahlen? Und warum ist es so schwierig, von einer Institutionen in die andere zu wechseln, sei es aus dem Gymnasium in eine Lehre, sei es von der Fachhochschule auf die Universität, fragte Hannes Bauer.

Raimund Ahr (Städtebund) wies auf rechtliche und finanzielle Probleme beim Ausbau der ganztägigen Schulformen hin und macht auf die beträchtliche Kostenbelastung der Kommunen durch die Neue Mittelschule aufmerksam.

Abgeordneter Peter Eisenschenk (V) warnte davor, das Instrument "Förderunterricht" zu vernachlässigen, es habe sich sowohl bei der Förderung hochbegabter als auch schwächerer Schüler sehr bewährt. (Schluss)

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