Bundesrats-Enquete (2) Die Stimmen der ExpertInnen

Wien (PK) - Nach den Politik hatten bei der Bundesrats-Enquete zunächst die ExpertInnen das Wort. Dr. Herbert BUCHINGER (AMS) hob hervor, dem Bildungssystem könne ein gutes Zeugnis ausgestellt werden, soweit es Absolventen produziert. Das Risiko, arbeitslos zu sein, richte sich nach erworbenen Bildungsabschlüssen. Hauptlast der Arbeitslosigkeit haben jene Menschen zu tragen, deren höchste abgeschlossene Schulausbildung die Pflichtschule ist. 17 % betrug die Arbeitslosenquote 2006 bei den Pflichtschulabsolventen. Jede Form der weiterführenden Schulausbildung führte zu einem unterdurchschnittlichen Arbeitslosigkeitsrisiko. Schon die Arbeitslosenquote jener, die eine Berufsausbildung im dualen System gemacht haben (Berufschüler plus Betrieb) betrug unterdurchschnittlich 6 % (die durchschnittliche Arbeitslosenquote machte 2006 6,8 % aus), 3 % bei den Absolventen von berufsbildenden mittleren Schulen, 3,4 % bei Absolventen von AHS sowie 3,6 % bei den Absolventen von berufsbildenden höheren Schulen und 2 % bei den Absolventen tertiärer Ausbildungen (Uni, FH, Akademie). Das schulische Ausbildungssystem produziere aber aus arbeitsmarktpolitischer Sicht zu viele Drop outs, kritisierte Buchinger. Jene, die den Abschluss nicht schaffen, tauchen als Lehrstellen Suchende auf und belasten den Lehrstellenmarkt oder suchen als Pflichtschulabsolventen nach Hilfsarbeit oder angelernter Tätigkeit, auch wenn sie, was man von den Unternehmern immer wieder hört, nicht die nötigen Basisqualifikationen mitbringen und ohne gezielte Förderung keinen Lehrabschluss erreichen. Will man etwas tun, um die Effektivität des österreichischen Bildungssystems im Hinblick auf den Arbeitsmarkt zu stärken, muss man etwas gegen die Drop outs tun und trachten, dass das Schulsystem die Jugendlichen besser fördert und nicht so stark selektiert wie jetzt, lautete der Befund von Herbert Buchinger.

Dr. Johannes KOPF (AMS) sprach den Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Arbeitslosigkeitsentwicklung an und wies darauf hin, dass auch in den Jahren, in denen sich die Arbeitslosigkeit schlecht entwickelt hat, die Beschäftigung in Österreich massiv gestiegen ist: allein zwischen 2005 und 2006 um 50.000. Das Arbeitskräfteangebot habe sich 2006 durch die Pensionssicherungsreform um 5.700 Personen erhöht, gleichzeitig sei die Erwerbsbeteiligung der Frauen um 10.200 und die der Männer um 7.200 gestiegen. Zusätzlich gab es 8.600 deutsche Arbeitskräfte mehr, etwa 3.000 zusätzliche Bürger kamen aus den neuen EU-Staaten auf den Arbeitsmarkt und 2.400 Arbeitskräfte aus Drittstaaten; das Arbeitskräfteangebot sei somit um 37.000 in einem Jahr gestiegen. Es ist also die Arbeitslosigkeit 2006 um 13.500 Personen gesunken. Wenn ein Wirtschaftswachstum von 2,5 % prognostiziert wird, damit die Arbeitslosigkeit sinkt, dann sei dies nur ein Teil der Wahrheit, unterstrich der Referent.

Gemeinsame Ziele müssten aus Sicht von Kopf u.a. sein:
Vollbeschäftigung bis 2010, Bekämpfung des Fachkräftemangels, Steigerung der Qualität der Maßnahmen, Hebung der Kundenzufriedenheit auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite und die Bewältigung der steigenden Dynamik.

Mag. Peter SCHLÖGL (Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung) meinte, eine der Stärken des österreichischen Bildungswesens sei, dass es einen relativ hohen Anteil an Jugendlichen in beruflicher Ausbildung gibt; rund 80 % der Jugendlichen, die ihre Ausbildung fortsetzen, sind in beruflicher Bildung. Das größte Segment sei immer noch die Lehrausbildung.

Die Situation am Lehrstellenmarkt sei seit Mitte der neunziger Jahre bereits zum dritten Mal angespannt. Der Rückgang der Lehrstellenangebote sei lange überlagert worden durch die Expansion des berufsbildenden mittleren und höheren Schulwesens. Dies habe auch strukturelle Gründe innerhalb der Arbeitswelt: die Entwicklung hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft, die Globalisierung, die Regionalisierung sowie starke Veränderungen der Produktions- und Fertigungsmethoden.

Will man mehr Chancen in Gesellschaft und Wirtschaft erreichen, dann brauche man Chancengleichheit beim Zugang zu Erst- und Weiterbildung, die Durchlässigkeit für Bildungsprozesse in allen Lebensphasen und lernförderliche Umgebungen und Konzepte in der Schule und auch am Arbeitsplatz.

Stadtrat Johann Mayr (Stadt Linz) präsentierte ein Modell für einen "Mikroblick", wie Bildungsentscheidungen getroffen werden, das auf dem Grundmodell von Professor Esser aus Mannheim beruht. Bei der Bildungsentscheidung sei wichtig, welchen Nutzen man am Ende des Bildungsdurchganges erwartet, welche Wahrscheinlichkeit besteht, dass man den Nutzen auch realisieren kann, persönliche Anstrengungen, der Wert des drohenden Statusverlustes und die Wahrscheinlichkeit, dass dieser eintritt. Die Bildungsmotivation sei umso höher je höher der Wert der Bildung und je sicherer der drohende Statusverlust ohne Bildung ist; das Investitionsrisiko ist umso höher, je unsicherer der Erfolg und je höher die subjektiven Kosten sind. Daraus folgert Mayr, dass eine Person erst dann ihre Entscheidung von der Bildungsabstinenz zur Weiterführung ändert, wenn die Bildungsmotivation größer ist als das Investitionsrisiko. Die Politik habe daher die Bildungsmotivation zu erhöhen und das Investitionsrisiko zu senken.

Mag. Johannes Fenz (Katholischer Familienverband) sprach sich gegen eine ständige Strukturdebatte aus und meinte, notwendig wäre vielmehr eine pädagogische Debatte. Mit Nachdruck unterstützte er ein kostenloses, für alle verpflichtendes Kindergartenjahr, bei dem nicht nur die Förderung der sprachlichen, sondern auch der sozialen Kompetenz im Mittelpunkt stehen sollte. Die Schule wiederum wollte Fenz stärker auf die Erlernung der Grundkenntnisse orientieren, an die Stelle des Polytechnikums sollte schließlich ein Berufsgrundjahr treten, das auf einen positiven Einstieg in eine Lehre vorbereitet. Insgesamt trat Fenz für ein mehrdimensionales Lernen anstelle eines bloß kognitiven Lernens ein.

Mag. Thomas Mayr (Institut für Bildungsforschung in der Wirtschaft) stellte fest, Österreichs Berufsausbildung könne sich im internationalen Vergleich sehen lassen. In anderen Ländern sei es nicht selbstverständlich, dass sich Unternehmen in einem so hohen Ausmaß zeitlich und auch finanziell für die Ausbildung der Jugendlichen engagieren. Gerade die duale Ausbildung ermögliche es, ein heterogenes Publikum an Jugendlichen in den Bildungsprozess zu integrieren, der Einstieg in den Arbeitsmarkt über die berufliche Ausbildung funktioniere in Österreich gut, stand für Mayr fest. Es gelte daher, auch weiterhin durch Förderungsmaßnahmen und die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen die Unternehmen in Sachen dualer Ausbildung "bei der Stange zu halten", betonte der Redner.

Prof. Dr. Hans G. Schuetze (Univ. of California at Berkeley) verstand lebenslanges Lernen nicht als Weiterbildung und Erwachsenenbildung, sondern als Lernen vor, während und nach der Erstbildungsphase. Um lebenslanges Lernen für alle zu ermöglichen, müssten auch Kinder aus bildungsfernen Schichten und Kinder mit Migrationshintergrund schon vor dem Schuleintritt gefördert werden, mahnte er. Im weiteren Verlauf habe es dann um eine Vernetzung der verschiedenen Lernorte -Schule, Arbeitsplatz, Gesellschaft - zu gehen. Die Bedeutung des lebenslangen Lernens leitete sich für Schuetze auch aus einer Untersuchung der OECD ab, wonach ein zusätzliches Bildungsjahr für die Bevölkerung drei bis sechs Prozent an Produktionszuwachs für eine Volkswirtschaft nach sich ziehe.

Edith Kugi (Arbeiterkammer für Wien) sah Handlungsbedarf bei der Reform der Lehrlingsausbildung und erinnerte vor allem an den Facharbeitermangel. Österreich sei offensichtlich nicht in der Lage, seine Lehrlinge in jenen Berufen auszubilden, wo sie vom Arbeitsmarkt gebraucht werden. Als problematisch betrachtete sie dabei vor allem auch die Konzentration der Jugendlichen auf einige wenige Lehrberufe. Kugi forderte die Einführung von Qualitätskriterien in der Lehrlingsausbildung, aber auch die Förderung jener Betriebe, die erstmals Lehrlinge ausbilden.

Dr. Michael Landertshammer (Wirtschaftskammer Österreich) erteilte ideologische Kämpfen eine klare Absage und unterstrich, beim Bildungssystem gehe es darum, dass jeder nach seinen entsprechenden Leistungen und Fähigkeiten gefordert und gefördert werden kann. Er drängte auf eine sprachliche Frühförderung durch ein kostenloses Vorschuljahr mit Opting Out Möglichkeit und auf die Erstellung eines nationalen Rahmenbildungsplanes bereits für die Kindergärten. Für die Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen schlug Landertshammer mehr Leistungsdifferenzierung in einem gemeinsamen Modell vor.

Dr. Gerhard Riemer (Industriellenvereinigung) sorgte sich um die Sicherung des Innovationsstandortes und betonte, Österreich brauche mehr Dynamik, um sich diesbezüglich im Spitzenfeld zu positionieren. Probleme ortete er bei den Fachkräften. Er trat dafür ein, sämtliche Potenziale der Jugendlichen zu erkennen, zu fördern und zu unterstützen, und sah angesichts des Facharbeitermangels einen der Lösungsansätze auch in der Migrationspolitik. Stärkeres Augenmerk in der Lehrlingsausbildung sollte seiner Meinung nach auch dem Thema Matura und Lehre gewidmet werden.

Ing. Alexander Prischl (ÖGB) trat ebenfalls für eine Reform der Lehrlingsausbildung ein und rief die Berufsberatung auf, die gesamte Palette der Lehrberufe aufzuzeigen, um der Konzentration auf wenige Ausbildungszweige entgegenzusteuern. Forciert sollte aber auch die Durchlässigkeit des Systems werden, damit Schule und duale Ausbildung eine gleichwertige Rolle spielen können. Wichtig war für Prischl weiters ein gebührenfreies Nachholen von Bildungsabschlüssen. (Fortsetzung)

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