Bundesrats-Enquete: Bildung-Beruf-Wirtschaft - mehr Chancen für alle Bundesratspräsident Erlitz sieht Handlungsbedarf im Bildungssystem

Wien (PK) - Der Bundesrat hielt heute Vormittag unter dem Vorsitz seines Präsidenten Wolfgang Erlitz sowie seiner Vizepräsidenten Jürgen Weiss und Anna Elisabeth Haselbach eine Parlamentarische Enquete zum Thema "Bildung - Beruf - Wirtschaft - mehr Chancen für alle" ab. An der Enquete nahmen Mitglieder der Bundesregierung und beider Häuser des Parlaments, Experten sowie Vertreter von Interessenvertretungen, Bundesländern und Gemeinden teil.

Präsident Wolfgang Erlitz wies in seinem Eingangsstatement auf die Bedeutung der Bildung als Wettbewerbsfaktor im Prozess der Globalisierung sowie als Motor für Produktivität, Wachstum und Wohlstand hin. Wirtschafts- und Sozialstatistiken zeigten überdies, dass Bildung auch für die Gesundheit der Menschen und die soziale Kohäsion ausschlaggebend sei. Es lohne sich in Bildung zu investieren, hielt der Bundesratspräsident fest und registrierte für Österreich Handlungsbedarf, da das Land in internationalen Vergleichen von Spitzenwerten weit entfernt sei.

Bildungsministerin Schmied: Sozial schwache Kinder besser fördern

Für Bildungsministerin Claudia Schmied ging es darum, Begabungen und Talente aller Menschen bestmöglich zu fördern, Neugier und Entdeckergeist zu wecken und selbstbewusste Persönlichkeiten heranzubilden. Als Schwachstelle im österreichischen Bildungssystem bezeichnete die Ministerin die nicht ausreichende Förderung sozial schwacher Menschen sowie von Menschen mit Migrationshintergrund. Die erfolgreiche Vermittlung von Wissen und Werten dürfe nicht länger vom Sozialstatus der Eltern abhängig sein. Es sei Zeit zu handeln, da man wisse, dass sozial schwache Kinder nicht ausreichend gefördert werden. Die Kindergärten will Schmied in Richtung "Bildungsgärten" weiterentwickeln. Ein Ziel, für das der Bund seinen Mitteleinsatz auf 5 Mill. € verzehnfacht habe. In Volksschulen und auf der ersten Sekundarstufe soll die individuelle Förderung verbessert werden, die niedrigere Klassenschülerhöchstzahl eine gesetzliche Grundlage erhalten. Ganztägige Betreuungsangebote und ganztägige Schulformen sollen ausgeweitet und gleichzeitig auf die Unterrichtsqualität geachtet werden. Die Beratung für Bildungs- und Berufsentscheidungen soll forciert und die Kosten von Bildungsabschlüssen für die Absolventen gesenkt werden; auch das Nachholen von Bildungsabschlüssen will Ministerin Schmied erleichtern. Die Bildungsministerin legte auch Wert darauf, das Modell "Lehre mit Matura" zu fördern.

Wissenschaftsminister Hahn: Wissen ist die Währung der Zukunft

Wissenschaftsminister Johannes Hahn bezeichnete Wissen als die "Währung der Zukunft" und hielt das Schlagwort von der "Wissensgesellschaft" für richtig, zumal der Anteil des Wissens im Produktionsprozess gegenüber dem Kapitaleinsatz immer wichtiger werde. Bei aller Skepsis gegenüber den PISA-Ergebnissen hielt es der Wissenschaftsminister für bedenklich, wenn bei Österreichs Jugendlichen Leseschwächen festgestellt werden. Es genüge aber auch nicht, sich auf das Beispiel Finnland zu konzentrieren, da dort die Jugendarbeitslosigkeit doppelt so hoch sei wie in Österreich. Es gehe darum, Schlüsselqualifikationen wie Lesen, Schreiben, Rechnen, die Artikulationsfähigkeit und den Umgang mit Informationstechnologien zu fördern. In der Bildungsdiskussion sollte man sich nicht auf Strukturen beschränken, sondern sich auch mit Standards und Strategien befassen. Hahn will wissenschaftliche Karrieren fördern, gleichzeitig aber auch die akademische Erstausbildungsphase verkürzen, berufsbegleitendes Lernen intensivieren und die Attraktivität technischer Studien durch eine kürzere Studiendauer erhöhen.

Wissenschaftsminister Hahn sieht gute Chancen für Österreich, beim Übergang von der Imitationsgesellschaft zur Innovationsgesellschaft zu einem erstklassigen Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsstandort zu werden. Es gelte Österreich für Menschen attraktiv zu machen, die sich in Österreich ausbilden lassen wollen. So entstünden weltweite Netzwerke, von denen Österreich ökonomisch und kulturell profitieren könne.

Staatssekretärin Marek: Erfolgsmodell Lehrlingsausbildung

Staatssekretärin Christine Marek befasste sich zunächst mit dem Erfolgsmodell "Lehrlingsausbildung" und zeigte sich erfreut darüber, dass es in den letzten Jahren dank "Blum-Bonus" gelungen sei, die Zahl der Lehrlinge von 119.000 auf 130.000 anzuheben. Nach wie vor absolvierten 40 % jedes Ausbildungsjahrgangs eine Lehre, teilte die Staatssekretärin mit und kündigte ein neues Förderungsmodell unter dem Titel "Blum Neu" an. Zugleich gelte es die Inhalte der Lehrausbildungen laufend an die raschen Entwicklungen anzupassen sowie neue Berufsbilder und neue Ausbildungsmodule zu schaffen. Wichtig sei auch das Modell "Lehrabschlussprüfung plus Matura", wobei aber festzuhalten sei, dass Lehrlinge ohne Matura wichtige Fachkräfte darstellen, die die Wirtschaft dringend brauche. In der Lehrausbildung werden auch sozial Schwache erfolgreich gefördert, sei es durch die Möglichkeit, Teilqualifikationen zu erwerben, sei es durch die Chance auf einen Lehrabschluss nach verlängerter Ausbildungszeit. Österreichische Fachkräfte stellen laut Staatssekretärin die Qualität ihrer Berufsausbildung bei Berufsweltmeisterschaften immer wieder unter Beweis, zuletzt mit Platz 2 in der EU und Platz 7 weltweit bei den Bewerben in Japan, wie Christine Marek bekanntgab.

Erwin Buchinger: Armut wird durch schlechte Bildung "vererbt"

Sozialminister Erwin Buchinger hielt es für bedrückend, dass Kinder aus Arbeiterhaushalten nur eine 5-prozentige Chance haben, eine akademische Ausbildung abzuschließen, während die Chance für Kinder aus Akademikerhaushalten bei 50 % liege. In Zusammenhang mit der aktuellen Armutsdiskussion bedeute dies, dass Armut wegen schlechterer Bildungszugänge über Generationen hinweg "vererbt" werde. Dies sei umso bedauerlicher, weil soziale Teilhabe immer stärker vom Bildungsgrad des Einzelnen abhänge. Dabei identifizierte der Sozialminister drei Problemgruppen, nämlich behinderte Menschen, ältere Menschen und Menschen mit Migrationshintergrund.

Junge Menschen mit Migrationshintergrund hätten ein zweieinhalb mal höheres Risiko arbeitslos zu werden als andere Jungendliche, sagte Buchinger und drängte auf Maßnahmen für einen verbesserten Bildungs-und Ausbildungszugang dieser Menschen. Verstärkte Beachtung sei auch älteren Arbeitnehmern zu schenken, die aus Gründen der Pensionsfinanzierung länger im Arbeitsprozess bleiben sollten - in den Betrieben finde man aber kaum Arbeitnehmer über 55 Jahren, klagte Buchinger, der es als notwendig bezeichnete, die gesundheitlichen Arbeitsbedingungen zu verbessern und gleichzeitig das lebenslange Lernen zu intensivieren.

Zum Thema Menschen mit Behinderung meinte der Sozialminister, es sei besorgniserregend, dass die günstige Entwicklung am Arbeitsmarkt, die es seit Mitte letzten Jahres gibt, Menschen mit Behinderung nicht erfasst hat. Diese Menschen werden immer mehr von Arbeitslosigkeit betroffen; mit dem Arbeitsministerium und dem AMS sei man im Gespräch, wie man gegensteuern könne.

Fragen der Bildung und der Chancengerechtigkeit können nur dann erfolgreich gestaltet werden, wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenwirken, das Problem erkennen, die richtige Analyse vorlegen und darauf aufbauend gemeinsam und koordiniert Maßnahmen umsetzen, schloss Buchinger sein Kurzreferat. (Fortsetzung)

Rückfragen & Kontakt:

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: pk@parlament.gv.at, Internet: http://www.parlament.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NPA0003