"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Kühle Rechner" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 07.12.2007

Wien (OTS) - Besser kann man für die völlig Freigabe der Öffnungszeiten im Handel nicht argumentieren: In allen tausend Billa-Filialen bleiben am morgigen Marienfeiertag die Türen geschlossen. Ein Aufsperren würde sich offenbar nicht auszahlen. Das ist der wohl überzeugendste Beweis, dass das Recht zur Offenhaltung eines Geschäfts noch lange keine Verpflichtung bedeutet, diese Freiheit auch maximal auszunützen. Damit gibt es auch keinen Grund, Kaufleuten weiterhin vorzuschreiben, wann und wie lange sie offen halten dürfen.
Die kühlen Rechner bei der Billa-Mutter Rewe Austria haben allerdings nicht den Mut, über Kosten zu sprechen. Offiziell begründet (und publikumswirksam vermarktet) wird die Entscheidung mit sozialen Argumenten: Man will den 16.000 von insgesamt 32.000 Mitarbeiter(innen) diesen Feiertag "zur freien Verfügung stellen". Das klingt zwar gut, degradiert die Mitarbeiter(innen) der anderen Rewe-Märkte aber zu Menschen zweiter Klasse.
Die Rewe-Töchter Merkur, Bipa und Penny sperren nämlich auf, und dort muss daher auch gearbeitet werden. Die über eine 24,9-Prozent-Beteiligung und einen Kooperationsvertrag zumindest teilweise zur Rewe-Familie zählende Vorarlberger Sutterlüty-Kette erklärt den 8. Dezember sogar zum "Familien-Einkaufstag".
Ob wirklich alle Billa-Mitarbeiter(innen) glücklich sind, anders als in den Vorjahren die fetten Überstundenzuschläge für die Feiertagsarbeit zu verlieren, ist mehr als ungewiss. Der Hausverstand hat dem Rewe-Vorstand gesagt, dass eine Filialkette wie Billa den Ertrag auch mit Zusperren optimieren kann.
Umgekehrt könnten bei einer Freigabe der Öffnungszeiten kleine Händler ihre Vorteile ausspielen. Der Einkaufstrend verlagert sich ohnehin wieder in Richtung "Nachbarschaftsläden". Für die Bierkiste und den Großeinkauf geht es zwar per Auto ins Einkaufszentrum. Die alltäglichen Besorgungen werden aber gerne im Laden ums Eck erledigt. Das darf ruhig ein bisschen teurer kommen, wie der Boom der rund um die geöffneten Tankstellen-Shops beweist. Dort kauft inzwischen laut einer aktuellen Umfrage mehr als die Hälfte der Österreicher ein. Umgekehrt stehen an jedem Adventsonntag in Wien zigtausend Touristen aus Deutschland, Italien und den benachbarten Oststaaten vor geschlossenen Geschäften. Die Zusatzumsätze wären den Unternehmern zu gönnen.
In Ländern mit liberalen Öffnungszeiten stehen abends oder am Wochenende oft Teilzeitkräfte, Pensionisten oder Studenten in den Läden. Auch ihnen wäre das Zusatzeinkommen zu gönnen.
Wie unglaubwürdig mit der "Rücksichtnahme auf Mitarbeiter" umgegangen wird, beweist aber nicht nur Billa. Ähnlich argumentiert die BauMax-Gruppe: In Österreich strebt man im Gegensatz zu IKEA keine Sonntagsöffnung an.
In den Nachbarländern Tschechien, Slowakei und Ungarn ist das anders:
Dort bleiben viele Märkte auch am Wochenende offen. Dank dem Wegfall der Schengen-Grenze am 21. Dezember werden sie sich zweifellos bald über viele zusätzliche Besucher aus Österreich freuen dürfen, während hierzulande die Rollläden dicht bleiben.

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