"Die Presse" Leitartikel: "Klimakatastrophen im Kopf" (von Michael Prüller)

Ausgabe vom 1.12.2007

Wien (OTS) - Früher ging bloß das Abendland unter, jetzt ist es schon die ganze Menschheit. Oder sogar unser Planet selbst?
Es gibt Momente, in denen plötzlich kristallklar offenbar wird, was vorher noch ein Welträtsel war. So geschehen etwa Donnerstagabend bei einer Diskussion in Wien. Der deutsche Politikwissenschaftler Claus Leggewie fragt, wie es sein kann, dass die vielen Menschen, die in den Umfragen derzeit die Umwelt als ihre allergrößte Sorge betrachten, dies nicht an der Wahlurne zum Ausdruck bringen. Jerome Ringo, Galionsfigur der amerikanischen Grünen, löst dieses Rätsel zwei Minuten später ganz unbewusst auf. Als er über seine Tätigkeit erzählt und dann sagt: "Es geht ja nicht darum, einen Job zu machen, sondern um die Rettung der Menschheit."
Genau darum geht es eben nicht. Dieses Untergangspathos ist aber heute leider schon selbstverständliche Aufmachung des Klima-Themas. "Nur noch 13 Jahre, um die Welt zu retten" titelte vor einiger Zeit die Gazette "Österreich", um den Bericht dann - plötzlich doch unsicher geworden? - auf Seite 15 zu verstecken. Und mit "Die Erde hat Fieber" hat sogar das ansonsten seriöse Magazin "Bild der Wissenschaft" kürzlich eine Sonderbeilage eröffnet.
Die rhetorische Großmannssucht vieler Umwelt-Lobbyisten hat eine Ratio. Tatsächlich veranlasst die trockene Ansage, dass die Temperaturen in 80 Jahren um rund vier Grad steigen könnten, die Menschheit noch nicht zu den gewünschten radikalen Schritten. Da muss in der Aufrüttelungs-Prosa eben einiges nachgelegt werden. Und daher kämpft man heute nicht mehr nur gegen Dürre, Überschwemmungen und die Veränderung der Ernährungsgrundlagen von vielen Millionen, sondern gegen etwas, was in Wirklichkeit gar nicht in Frage steht: gegen den Untergang der Menschheit oder gleich des ganzen Planeten.
Diese Drehung ins Bombastische bewirkt aber nicht das Erwünschte: Wer den Untergangsmalern glaubt, muss beim Gang zur Wahlurne verzagen -und blendet dann das für ihn zu groß gewordene Problem gerne aus. Oder werden Sie bei der nächsten Nationalratswahl ernsthaft darüber nachdenken, wem von beiden Sie eher die Rettung der Menschheit anvertrauen wollen: Alfred Gusenbauer oder Wilhelm Molterer? Flüsse zu säubern oder die Luft von Gift frei zu halten - das traut man der Politik ja noch irgendwie zu. Aber Mutter Erde fieberfrei zu machen? Man wählt dann handfester - aber erklärt bei der nächsten Umfrage natürlich wieder politisch korrekt die Umwelt zur Hauptsorge. So wie Miss-World-Anwärterinnen ja auch wissen, dass sie stets "den Weltfrieden" als ihr Herzensanliegen zu nennen haben (der übrigens genauso politisch sperrig ist wie die Klima-Rettung).
Wer andererseits die Überzogenheit der Weltenretter-Aufrufe durchschaut, wird dadurch in seiner Skepsis nur noch bestärkt. Ahnt er doch bereits, dass die Dinge nicht so eindeutig sind. Felsenfest sicher ist ja nur, dass sich das Klima immer ändert. Dass es sich derzeit bedrohlich ändert, ist schon nur mehr ziemlich sicher. Dass der Mensch damit etwas zu tun hat, ist sehr wahrscheinlich. Dass die Entwicklung der Temperaturen sich an die am häufigsten zitierten Modellrechnungen hält, ist möglich. Dass Meeresströme, Vegetation etc. wie prognostiziert reagieren, ist denkbar. Und dass menschliche Anstrengung groß was ändern kann, steht schon sehr im Zweifel. Und auf die Objektivität der Wissenschaftler ist auch nicht Verlass. Oder für wie ergebnisoffen würden Sie etwa die Arbeit eines akademischen Forscher-Netzwerks halten, dass sich vorweg schon den Namen "Damocles" (Developing Arctic Modeling and Observing Capabilities for Long-term Environmental Studies) gegeben hat? Wer das so sieht und dann gesagt bekommt, dass die arme Welt am Totenbett röchelt, wenn er nicht sofort was tut, ist für eine "Ach habt mich doch gern"-Bewältigungsstrategie mehr als anfällig.

Das britische Magazin "Economist" hat unlängst eine sehr vernünftige Haltung definiert: Wir wissen zwar nicht, ob es mit dem Klima so schlimm wird, aber schon die Möglichkeit sollte uns handeln lassen -wir zahlen ja auch nicht nur Feuerversicherung, wenn wir genau wissen, dass es einmal brennen wird. Das klingt zugegebenermaßen für politische Aktion zu fad. Aber auch der Ruf zur Rettung von Menschheit und Erde bringt kaum Wähler, höchstens ein paar neue Aktivisten. Er trägt somit wenig zur Abkühlung des Klimas bei - aber erwärmt die Herzen. Vor allem jener, die Sehnsucht nach dem Dienst an der großen, alles übersteigenden gemeinsamen Sache haben, nach dem großen Opfer, das eine heilere Welt einläutet. Man sollte nicht nur auf Gletscherabschmelzungen, sondern auch auf solche Stimmungen ein wachsames Auge haben.

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