"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Not von Millionen Menschen in Afrika darf uns nicht egal sein" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 28.11.2007

Graz (OTS) - Seit bald 50 Jahren werden österreichische Soldaten
zu Einsätzen ins Ausland geschickt. Aber noch keiner war dermaßen umstritten, wie der nun bevorstehende im Tschad. Dies aus gutem Grund: Zum ersten Mal wird ein relativ großes Kontingent unsere Soldaten in eine Region entsandt, die zu den derzeit gefährlichsten der Welt gehört und die in einem Atemzug mit dem Irak, Afghanistan oder dem östlichen Kongo zu nennen ist.

Der Einsatz in dem Sahel-Staat unterscheidet sich außerdem grundsätzlich von den anderen großen Engagements der Österreicher im Ausland. Denn diesmal geht es nicht darum, nach einem Krieg, der formell beendet wurde, als Puffer zwischen klar definierten Konfliktparteien Frieden zu stiften, wie etwa am Golan zwischen Israel und Syrien, im Kosovo zwischen Serben und Albanern oder auf Zypern zwischen Griechen und Türken.

Im östlichen Tschad, dem Einsatzgebiet der Österreicher, ist man von einem Waffenstillstand wohl noch Jahre entfernt. Dort gibt es nicht nur die reguläre Armee, die durch ihre Inhomogenität - 200 verschiedene Ethnien leben im Tschad, die zum Teil Moslems, zum Teil Christen sind - nie als absolut regimetreu einzustufen ist.

In diesem Teil des Tschad sowie im benachbarten Sudan und in der nahen Zentralafrikanischen Republik kämpfen grenzüberschreitend auch Rebellen aller Schattierungen aus diversen ethnischen und religiösen Gruppen. Außerdem ziehen in einer Gegend ohne funktionierende Staatsmacht marodierende Banden umher.

Österreichs Soldaten kommen - und dessen sind sich die Verantwortlichen in unserer Regierung wohl bewusst - in ein Kampfgebiet, in dem ein besonders hässlicher Krieg stattfindet, der vor allem Kinder und Frauen trifft. Und jeder einzelne Österreicher, der sich zu diesem Einsatz gemeldet hat, muss deshalb für sich persönlich mit dem Schlimmsten rechnen.

Dennoch ist es richtig, dass Verteidigungsminister Norbert Darabos trotz der aktuellen Kämpfe im Tschad an dem Einsatz festhält. Die Soldaten, die losgeschickt werden, sind gut ausgebildet und auf große Schwierigkeiten vorbereitet. Auch ein neutrales Österreich darf sich nicht aus der europäischen Solidarität stehlen, wenn es darum geht, an der Lösung eines afrikanischen Konflikts mitzuwirken.

Denn versucht Europa nicht, Afrikas Probleme in Afrika zu lösen, wird der Strom von Flüchtlingen, der gegen die "Festung Europa" anrennt, immer mächtiger werden. Die Not von Millionen darf uns nicht länger egal sein.****

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