Symposium: Theater der Jugend reflektiert bewegte Geschichte

Wien (OTS) - Noch bis einschließlich morgen, Mittwoch, findet in der Dependance Theater im Zentrum in der Inneren Stadt ein Symposium anlässlich des 75jährigen Bestehens des Theater der Jugend statt. Dienstag Vormittag versuchte man mittels dreier Vorträge, der erstaunlicherweise noch nicht wissenschaftlich aufgearbeiteten Geschichte des Hauses näher zu kommen. Obzwar noch Lücken und diverse Fragen bestehen bzw. unbeantwortet bleiben müssen, wurde klar, wie spät dieses Theater, das in seinem Altersformat zu den frühesten Theatern Europas gehört, sein Publikum mit altersadäquaten Stücken unterhalten konnte. Anders gesagt: Österreichische Klassik a la Grillparzer, gepaart mit Goethe und Schiller, abgerundet mit Wiener Märchen- und Sagenstoff füllte bis weit nach 1945 den Spielplan des Hauses.

Wirre Beginne mit großen Enthusiasmus ohne passende Stücke

Edda Fuhrich beleuchtete in ihrem Eröffnungsreferat die wirren Anfänge des Theaters, welche die Max Reinhardt-Spezialistin bis in das Jahr 1906 vordatierte, als Stefan Grossmann, Redakteur der Arbeiter Zeitung, voll Enthusiasmus nach Berliner Vorbild eine Wiener Freie Volksbühne ins Leben rief, die freilich über viele Jahre zur Wanderbühne in Wiens Theaterlandschaft wurde. Konzipiert mit anti-bürgerlichem Habitus konnte der Verein fünf Jahre später bereits auf 24.000 Mitglieder verweisen. Ursprünglich wollte man in der Skodagasse ein eigenes, nach Plänen von Oskar Feuerstein geplantes Theater errichten, jedoch ereilte die Idee ein nahezu "österreichisches Schicksal": Aus dem Provisorium in der Neubaugasse 36 - heute Sitz des Theaters der Jugend - wurde eine fixe Spielstätte, wobei der proletarische Gestus rasch zugunsten herkömmlicher Theaterstücke und Spielbetrieb eingetauscht werden musste. Anfang der 20er Jahre, das Theater hieß nun "Renaissancebühne", wurden erstmals auch Kinderstücke in Form von klassischen Märchen angeboten, die wirtschaftliche Lage der Bühne verschlechterte sich zusehends, sodass im Jahr 1931 um eine Konzession als Lichtspieltheater eingereicht wurde.

Jugendtheater als Arbeitslosenprogramm für Schauspieler

Birgit Peter, Leiterin des Archives des Institutes für Theater, Film und Medienwissenschaften der Uni Wien - zugleich auch Mitorganisator des Symposium - betonte die spärliche Quellenlage rund um die Anfangszeiten des Theaters der Jugend bzw. wie es zu Beginn hieß: "Theater der Schulen", Anfang der dreißiger Jahre. Als mögliche pragmatische Begründung eines solchen Theaters erwähnte sie auch die wirtschaftliche Krise und die vielen arbeitslosen Schauspieler, denen man mit solch einer Gründung helfen wollte.

Ideologisch zu einem Sattelpunkt der österreichischen Zeitgeschichte gegründet, - zwei Jahre nach Gründung, im Jahr 1934, kam es zu den Februarkämpfen bzw. zum Juli-Putsch der illegalen österreichischen Nazis - reflektierte sie die ideologische Positionierung der seinerzeit beteiligten Akteure, denen sie an einem konkreten Fall, antisemitische Vorbehalte bei der Besetzung diverser Posten nachweisen konnte. Nach Ausschaltung der Demokratie unter Dollfuß wurde das Theater Teil des "Neuen Lebens" der vaterländischen Front, ab 1938 wurde es zur Spielstätte der Wiener Hitlerjugend. Inhaltlich konstant war jedoch die Ausrichtung auf österreichische Klassiker, laut Peter also, Grillparzer, Anzengruber, Nestroy und Raimund.

Längste Zeit Spielstätte österreichischer Klassik

Nach 1945 gemäß den Statuten von 1934 wieder begründet erfreute sich das Theater sehr rasch großer Beliebtheit in den Wiener Schulen. Alleine 170.000 Besucher in der ersten Spielsaison, später um die 400.000 Besucher unterstrichen die starke Nachfrage wohl vor allem der Deutsch-Lehrer, die das Abo-System für die Erweiterung ihres Unterrichts nutzten. Laut Untersuchungen von Markus Felkel, der übrigens in der aktuellen Spielsaison das Stück "Alles Gute" von Lutz Hübner auf die Bühne bringen wird, stand nach 45 die besondere Betonung des Österreichischen auf dem Spielplan des Theaters, welches, so Felkel, mittels "Höflichkeit und Versöhnlichkeit als typische österreichische Charakteristika das anmaßende deutsche Auftreten" in Vergessenheit bringen sollte. Die Rolle der Alliierten und deren intensives Kulturprogramm insbesondere für Jugendliche wurde nicht reflektiert. Dass die "Rot weiß rote-Schiene" irgendwann zu Ende gehen musste, illustrierte Felkel anhand eines Zeitungsberichtes über eine Grillparzer-Produktion "König Ottokars Glück und Ende" in einer Version für 13jährige im Ronacher, wo sich die Schauspieler des Burgtheaters von herumfliegenden Papierkugeln, und angeheiterten, Bier trinkenden Jugendlichen bedrängt sahen. Erst 1957 begann man mit eigenen Produktionen für Kinder und Jugendliche. 1964 weitete man die Spielorte aus: das Theater im Zentrum, ursprünglich im Jahr 1913 als Variete gegründet, wurde zur zweiten Spielstätte des Theaters der Jugend.

Gegenwärtige Situation auf der Bühne

Der Dienstag Nachmittag widmet sich der jüngsten Haus-Geschichte, insbesondere der Zeit des Aufbruches nach 1968. Der morgige Tag reflektiert die gegenwärtige Situation von Kinder- und Jugendtheater. Zwischen 13.00 und 14.00 Uhr diskutieren AutorInnen über das Schreiben von Stücken für diese Altersgruppe, danach gehört die "Bühne" diversen Theater-Intendanten, darunter etwa Klaus Schumacher /Deutsches Schauspielhaus, Hamburg), Henry Mason (u/hof, Linz) und Stefan Rabl (Dschungel Wien). Den Abschluss des zweitägigen Symposiums bestreiten dann zwischen 16.00 und 17.00 Uhr Kritiker:
Lona Chernel (Wiener Zeitung), Thomas Gabler (Kronen Zeitung), Peter Jarolim (Kurier) oder etwa Heinz Sichrovsky (News) diskutieren über die Bedeutung und Relevanz der Berichterstattung über dieses in Österreich erst spät entdeckten altersspezifischen Theaters.

o Festsymposium 75-Jahre-Jubiläum Theater der Jugend Ort: Theater im Zentrum (1., Liliengasse 3) Infos unter: www.tdj.at/

(Schluss) hch

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