Offener Brief an den Vizekanzler

Wien (OTS) - Herrn
Vizekanzler
Mag. Wilhelm Molterer
Bundesministerium für Finanzen
Hintere Zollamtsstraße 2b
1030 Wien

Wien, am 27. November 2007

Sehr geehrter Herr Vizekanzler!

Die Österreichische Filmwirtschaft hat am 16. November 2007 gemeinsam mit namhaften Filmschaffenden zu einer viel beachteten Pressekonferenz geladen. Dabei wurde auf die katastrophalen Folgen für die österreichische Filmwirtschaft hingewiesen, wenn der ORF wie angekündigt 2008 die ohnehin über die letzten Jahre auf nur mehr 50% der festgeschriebenen Bemühensverpflichtung aus dem Rundfunkgesetz 2000 reduzierten Mittel für heimische Filme/Serien/Dokus um weitere 25% kürzt.

Damit sind die Strukturen in Österreich nicht mehr aufrecht zu halten. Der österreichischen Filmwirtschaft droht das Aus, wenn nicht rasch Maßnahmen gesetzt werden. Das betrifft 2500 qualifizierte Arbeitskräfte vorwiegend im jüngeren Segment, die nicht umbesetzt werden können. Jeder ORF Euro in die Filmwirtschaft investiert, hat das dreifache an ausländischen Mitteln nach Österreich fließen lassen.

Dabei ist das Geld vorhanden: Die Österreicher zahlen jährlich 700 Mio. Euro an Rundfunkgebühren; davon erreichen nur 475 Mio. Euro den ORF. Der Rest wird von Bund und Ländern zweckentfremdet abgezweigt. Es liegt ganz besonders an Ihnen als Finanzminister, hier die notwendigen korrigierenden Weichenstellungen zu bewirken.
Der ORF hat seinen Sparstift nachweislich bei der österreichischen Produktion von Filmen, Serien und Dokus angesetzt. Die Lücken füllt der größte Auftraggeber der heimischen Filmwirtschaft mit kurzsichtig im Ausland eingekauften Programmen - und dies, obwohl wir wissen: Die österreichischen Programme haben die höchsten Quoten. Wo Österreichischer Rundfunk draufsteht, sollte auch Österreich drin sein!

Das Volumen des ORF für österreichische Filme, Serien und Dokus wurde bereits in den letzten Jahren laufend dramatisch reduziert (z.B. wurden die Fiction-Sendebudgets von 2001 bis 2007 halbiert!) und erreicht 2007 nur mehr ca. 40 Mio. Euro (= weniger als 5 % des ORF-Umsatzes). Durch die vom ORF für 2008/09 angekündigten massiven Reduktionen droht zahlreichen österreichischen Filmfirmen der Konkurs während gleichzeitig noch mehr österreichisches Gebührengeld ohne der geringsten Wertschöpfung ins Ausland abfließt. Damit verliert der ORF seine Existenzgrundlage und seine Gebührenlegitimation und wir laufen Gefahr, den wichtigsten Kulturträger des Landes zu verlieren.

Österreichische Filme / Serien / Dokus benötigen

  • eine gesetzliche Zweckbindung von 25 % der Rundfunkgebühren
  • einen starken, ausreichend finanzierten ORF

Der österreichische Film produziert in vielfältiger Weise einen sichtbaren "Mehrwert": Die Darstellung Österreichs über unsere Grenzen hinaus fördert die Wirtschaft und Bekanntheit Österreichs, Dreharbeiten in unserem Land haben hohen Regionalnutzen weit über den Tourismuseffekt hinaus, und die deutliche , unverwechselbare Wiedererkennbarkeit Österreichs im ORF würde gegensteuern gegen das schwindende Publikumsinteresse und damit auch gegen die steigenden Werbeeinnahmensverluste.

Sehr geehrter Herr Vizekanzler, wir fordern Sie auf, alles in Ihrer Macht stehende zu tun, damit sich die erkennbare Entwicklung nicht fortsetzt. Es geht nicht zuletzt um einen ganzen Wirtschaftszweig, dem sonst in Europa hohe Bedarfssteigerungsraten zugeordnet werden.

Bisherige Appelle und Hilferufe wurden leider nicht ernsthaft wahrgenommen. Die österreichische Filmwirtschaft ist gezwungen in die Öffentlichkeit zu treten. Die Situation ist katastrophal. Tun Sie als Finanzminister das Notwendige, um den Ruin der österreichischen Filmlandschaft abzuwenden!

Mit dem Ausdruck unserer vorzüglichen Hochachtung
für die Initiative Film TV:

FACHVERBAND DER AUDIOVISIONS- UND FILMINDUSTRIE

Dr. Werner Müller

Rückfragen & Kontakt:

INITIATIVE FILM TV
c/o Fachverband der Audiovisions- und Filmindustrie
Dr. Werner Müller
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T: +43 (0) 5 90 900 3010

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