"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Im Zweifel gegen klare Indizien" (Von Reinhard Fellner)

Ausgabe vom 27. November 2007

Innsbruck (OTS) - Innsbruck 1977: Ein Bub kommt zur Welt. Und wird von seiner Mutter getötet. 1978 trifft dieses Schicksal ein weiteres Kind der Innsbruckerin. Und 1980 den Bruder der bereits verscharrten Säuglinge. Was einen anhand dieser Chronologie sofort an Serienmord lästigen Nachwuchses denken lässt, mündet knapp dreißig Jahre später in einer Einstellung von Voruntersuchungen wegen Mordverdachtes und Straffreiheit wegen Verjährung.Gerichtsmedizinische Gutachten bilden das Fundament für diese staatsanwaltschaftliche Entscheidung. So kann eben nach dreißig Jahren nur noch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, dass die Buben lebend das Licht der Welt erblickten und gleich anschließend getötet wurden. Auch eine hohe Stoffwechselprodukte-konzentration der Mutter in den Leichen muss wohl als Zeichen für ein kurzes Leben gewertet werden.Das alles skizziert aber nur Abläufe von drei Tötungen. Dies automatisch unter das privilegierte Strafdelikt einer Tötung bei Geburt zu subsumieren, mag im Zweifel zu Gunsten der Mutter gerechtfertigt sein. Eine genauere Erforschung der damaligen Gedankenwelt der Mutter hätte sich die Öffentlichkeit aber doch erwartet.So wurde laut Gerichtsmedizin auf ein psychiatrisches Gutachten der Frau verzichtet. Obwohl diese anfangs von Totgeburten sprach, was gerichtsmedizinisch widerlegt wurde. Eine Tötung im Geburtsschock ist tragisch. Drei sind jedoch zudem höchst verdächtig. Da hätte man sich zur Ausschöpfung aller Ermittlungsschritte noch Zeit lassen können.

n reinhard.fellner@tt.com

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung,
Chefredaktion, Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001